Rokeach von Ilana Eimerl

Buchvorstellungund Rezension

Rokeach von Ilana Eimerl

Originalausgabe erschienen 2016unter dem Titel „Rokeach“,, 460 Seiten.ISBN 394438038X.

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Kurzgefasst:

Chaja bat Jakob ben Kalonymos lebt bis 1235 unter der Herrschaft des Stauferkaisers Friedrich II. und der Regentschaft seines Sohnes, König Heinrich VII., im Rheinland. Chajas Heimatstadt Worms ist weithin bekannt als Zentrum jüdischer Kultur und Gelehrsamkeit. Hier erlebt Chaja, wie Templer Worms überfallen und ihren Vater töten. Sein Mörder ist der Tempelritter Michael Bar le Dac, der den Heiligen Gral und damit himmlisches Glück finden will. Michael entführt Chajas Großvater, Rabbiner Eleazar. Von ihm und seinem Buch »Rokeach« erhofft sich Michael wichtige Hinweise auf seiner Suche nach dem Heiligen Gral ...

Das meint Histo-Couch.de: „Zwischen Kaiser und König“74

Rezension von Annette Gloser

Bis zum Jahr 1235 lebt Chaja bat Jacob ben Kalonymos wohlbehütet mit ihrer Familie in Worms. Sie hat keine größere Sorge als ihre Hochzeit mit einem alten, tatterigen Diamantenhändler aus Troyes. Aber Vater und Großvater haben die Ehe ausgehandelt, was kann ein Mädchen da schon tun? Rabbi Eleazar, Chajas Großvater, ist ein gelehrter Mann, ein Kabbalist, der aus den Zahlenwerten der hebräischen Buchstaben philosophische Überlegungen ableitet. Sein berühmtestes Buch heißt Rokeach. Aber im April 1235 wird Worms von Kreuzrittern überfallen, die vor allem die Bewohner des Judenviertels niedermetzeln. Unter ihnen ist Michael Bar le Dac, der auch Chajas Vater tötet. Rabbi Eleazar jedoch wird von dem Kreuzritter gefangen genommen und verschleppt, denn von ihm erwartet Michael Bar le Dac eine wichtige Auskunft. Rabbi Eleazar soll ihm sagen, wo der Heilige Gral verborgen ist.

Chaja hat das Gemetzel überlebt. Niemand aus ihrer Familie ist noch am Leben, nur der Großvater. Verzweifelt macht sie sich auf den Weg, um Rabbi Eleazar zu finden – und mit ihm auch jenen Mann, der ihren Vater getötet hat, den Todesengel Michael Bar le Dac.

Weniger wäre mehr

Mit Rokeach greift Ilana Eimerl ein Thema über die Geschichte der ShUM-Städte auf. Allerdings drängt sich sehr schnell der historische Konflikt zwischen Kaiser Friedrich II. und seinem Sohn Heinrich in den Vordergrund des Romans und verdrängt das Thema ShUM. Dazu kommen natürlich auch die persönlichen Probleme der Protagonisten. Alles in Allem ist der Roman vollgepackt mit Fakten, die der Leser in dieser Anhäufung nur mit Mühe verarbeitet. Insbesondere die Mönche, mit denen Chaja nach Straßburg reist, geben oft ungefragt und völlig unmotiviert tiefsinnige Monologe von sich, über ihre Orden, über historische Persönlichkeiten etc. So hat der Roman zwar eine Art roten Faden, eine wirklich tief gehende Geschichte gibt es jedoch nicht. Über all dem Faktengewirr verliert die Autorin die Charaktere ihrer Protagonisten aus den Augen. Sie bleiben flach und eher nebulös, vor allem die Mönche, aber auch viele andere Nebenrollen. Grausamkeiten aller Art hat der Roman ebenso reichlich zu bieten wie seltsame Verhaltensweisen, oft ganz beiläufig. Aber auch hier nimmt Ilana Eimerl sich nicht die Zeit, in die Tiefe zu gehen. Fakten werden aufgezählt, aber eine Auseinandersetzung der Protagonisten mit diesen Fakten findet praktisch nicht statt.

Rokeach bietet jedoch einen höchst interessanten Einblick in die Zahlenmystik der Kabbalisten, keineswegs versponnen und unverständlich sondern wunderbar erklärt und auch für Menschen, die mit der hebräischen Sprache nicht vertraut sind, gut verstehbar. Vor allem Chajas kleiner Exkurs auf den ersten Seiten des Romans ist sowohl tiefsinnig als auch amüsant. Und die Auseinandersetzung Rabbis Eleazars mit Michael Bar le Dac  ist eine wunderbare Hommage an die jüdische Philosophie und Denkweise.

Zufälle und Ungereimtheiten

Die beiden Hauptfiguren, Chaja und Bar le Dac, erzählen abwechselnd ihre Geschichte. Dabei tauchen leider insbesondere in Chajas Kapiteln viele Ungereimtheiten auf. Über weite Strecken büßt der Roman hier an Glaubwürdigkeit ein. So zum Beispiel verkleidet Chaja sich als Junge (Wieder einmal die altbewährte Hosenrolle!) mit dem nicht unbedingt christlich oder urdeutsch klingenden Namen Cham. Sie schließt sich einer Gruppe Mönche an. Obwohl zerlumpt und abgerissen, philosophiert sie mit ihren Begleitern über diverse Themen, spricht Latein, kann lesen und schreiben. Niemand kommt je auf die Idee, das zu hinterfragen oder sich zu erkundigen, wo denn der Bettelknabe seine medizinischen Kenntnisse eigentlich her hat.

Immer wieder, einfach viel zu oft, lässt die Autorin Chaja irgendwen belauschen. Da  steht das Mädchen ganz unmotiviert mitten in der Nacht auf, geht irgendwohin, belauscht dabei diverse Leute und geht dann wieder schlafen. Weder erfährt man als Leser, welche Schlussfolgerungen sie zieht noch, mit welchen Emotionen sie auf das Gehörte reagiert. Oft treiben dann letztendlich Zufälle das Geschehen voran. So kommt auch keine dauerhafte Spannung auf, denn der Spannungsbogen bricht immer zusammen.

Mittelalter aus jüdischer Sicht

Rokeach ist leider nicht der ganz große Wurf, den man sich bei einem solchen Thema erhoffen könnte. Dennoch ist der Roman als Debüt gelungen und bietet verlässlich recherchierte Fakten ebenso wie eine bisher in der deutschen Histo-Romanlandschaft einzigartige Perspektive: Die einer jungen Jüdin, welche in die politischen Wirren ihrer Zeit gerät und sich behaupten muss. Leser, die sich für dieses Thema interessieren, haben hier den richtigen Roman in der Hand. Und auch wer einen (kleinen) Einblick in die Welt und die Denkweise der Kabbalisten bekommen möchte, wird an Rokeach seine Freude haben.

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