Das Haus der schönen Dinge von Heidi Rehn

Buchvorstellungund Rezension

Originalausgabe erschienen 2017unter dem Titel „Das Haus der schönen Dinge“,, 656 Seiten.ISBN 3-426-51937-2.

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Kurzgefasst:

Als der jüdische Kaufmann Jacob Hirschvogl 1897 zum Königlich-Bayerischen Hoflieferanten ernannt wird, glaubt er sich und seine Familie als gleichwertige Mitglieder der Münchner Gesellschaft anerkannt. Zwar begegnet seine Frau Thea Jacobs Enthusiasmus mit einer gewissen Skepsis, doch der Erfolg des Kaufhauses belehrt sie eines Besseren. Tochter Lily übernimmt das Kaufhaus am Münchner Rindermarkt in den goldenen 20ern und wähnt sich am Ziel aller Wünsche. Eine glückliche Zukunft scheint auf die Familie zu warten, doch als die Nazis die Macht ergreifen, müssen die Hirschvogls erleben, wie sich Bayern und München, das für sie stets Heimat war, plötzlich gegen sie wendet …

Das meint Histo-Couch.de: „Schicksalhafter Niedergang einer jüdischen Familiendynastie“85Treffer

Rezension von Alexandra Hopf

1897 sieht sich der jüdische Kaufmann Jakob Hirschvogl mit seiner Frau Thea am Ziel ihrer Träume. Sie eröffnen ihr eigenes Kaufhaus am Rindermarkt in München. Außerdem wird ihr Geschäft die bedeutende Auszeichnung als königlich bayerischer Hoflieferant tragen. Mit einer beispiellosen Liebe betreiben die Beiden ihr Geschäft. Das Warenangebot spannt sich über erlesene Lebensmittel bis zu extravaganten Parfüms und exklusiver neuester Mode aus Frankreich. Gegenüber ihren Mitbewerbern in der Stadt zeichnen sie sich durch schier grenzenlosen Einfallsreichtum der Präsentation aus, zum Beispiel themenorientiert am Münchner Oktoberfest oder ein einzigartiges Kinderkarussell im Kaufhaus zur Weihnachtszeit. Trotz der anderen Kaufhäuser ist das Hirschvogl das angesehenste und beliebteste Kaufhaus am Platz.

Getrübt wird das Glück des Ehepaares einzig durch die Tatsache, dass der älteste Sohn Benno keinesfalls die Nachfolge als Kaufmann antreten will, sondern lieber eine medizinische Laufbahn einschlagen will. Um seine Ziele zu verwirklichen zieht es ihn ins entfernte New York. Das zweite Kind Lily hingegen hat das besondere Gespür der Mutter geerbt und wirkt von Kindesbeinen an in der Gestaltung des Kaufhauses mit. Vervollständigt wird die Familie durch das jüngste der Hirschvoglkinder. Sepp, der seiner Mutter doch oft große Sorgen bereitet. Er ist ein stets kränkelnder und schwächlich wirkender Junge. Thea fällt es sichtlich leichter zu akzeptieren als ihrem Mann, dass Benno eben nicht der geborene Kaufmann ist und wohl eher Lily eines Tages die Nachfolge antreten wird.

Von diesem Problem abgesehen ist das Glück der Familie perfekt. Sie sind vollkommen ins Münchner Gesellschaftsleben integriert und hoch angesehen. Auch bei ihren Freunden, dem Brauereibesitzer Alois Rossbach und seiner Familie spielt die Religion der Hirschvogls keine Rolle.

Es wäre sogar gern gesehen gewesen, wenn die von ihrer Tochter Cäcilie angestrebte Heirat mit Benno zustande gekommen wäre und man so mit dem hochangesehen Warentempel verbunden gewesen wäre.

100 Jahre Familiengeschichte

So gingen einige unbeschwerte glückliche Jahre ins Land. Jakob Hirschvogl akzeptiert schweren Herzens, dass die ehrgeizige Tochter Lily und ihr kaufmännisch etwas weniger begabter Ehemann Franz Mandel die Nachfolge des florierenden Hirchvogls antreten werden. Auch Cäcilie Rossbach ist mittlerweile anderweitig verheiratet, nämlich mit Rudolf Waikersheim, der aus einer angesehenen Anwaltsfamile stammt. Leider führt ein Immobiliengeschäft, bei dem sich Alois verspekuliert hat, zum Bankrott der Brauerei Rossbach. Es kommt zum großen Zerwürfnis mit Jakob Hirschvogl, der vor diesem Geschäft gewarnt und sich nicht beteiligt hatte. Die Familien sind unversöhnlich zerstritten und zudem beginnt zu dieser Zeit der Erste Weltkrieg. Beide Familien werden vom Schicksal in den Kriegsjahren stark gebeutelt.

Die Familie Hirschvogl bekommt erstmals zu spüren, dass ihre Religion doch nicht unbedeutend ist.

Mühsam kämpfen sie sich wieder mit ihrem Kaufhaus ins angesehene Münchner Leben zurück und ahnen nicht, dass dies erst ein kleiner Anfang war. Niemand kann sich auch nur im Traum vorstellen, wie entscheidend es sein wird, dass sie Juden sind und welch schicksalhafte Zeit nun für sie beginnt …

Nostalgisches „Kaufhausflair“ zum Träumen

Mit diesem Roman liefert Heid Rehn ein sehr umfangreiches Werk ab. Das Buch umfasst 650 Seiten. Auf der Innenseite des Covers findet der Leser zur besseren Übersicht einen Familienstammbaum vor. Er hilft zumindest zum Nachschlagen der Personen innerhalb der Familie. Da das Buch eine sehr große Breite an aktiven Personen bietet, wäre es sogar noch hilfreicher für den Leser, auch hier ein Personenregister anzubieten um nicht die Übersicht zu verlieren. Personen, welche nur namentlich genannt werden, können wie manch andere Begriffe im Glossar am Ende nachgeschlagen werden.

Die Covergestaltung ist dem Knaur Verlag perfekt gelungen. Das Bild des nostalgischen Kaufhauses und die sehr detaillierten Beschreibungen der Autorin helfen dem Leser, sich eine perfekte Vorstellung des Hirschvogls zu machen. So sehr die ausführlichen Beschreibungen dem Leser und seiner Phantasie zwar entgegenkommen, stört es doch etwas, dass oft ähnliche Situationen wieder ebenso ausgeprägt beschrieben werden. Das sind unnötige Längen des Romans. Der Leser bekommt ein Deja vu und man neigt dazu, etwas gelangweilt von den Wiederholungen zu sein.

Von diesen Längen abgesehen, ist Das Haus der schönen Dinge eine sehr ausführliche Familiengeschichte. Die Familie Hischvogl ist zwar fiktiv, steht aber stellvertretend für das schreckliche Schicksal vieler jüdischer Kaufleute in Deutschland. Der historische Hintergrund wurde von der Autorin sehr gut recherchiert. Hätte sie vielleicht etwas von den schleppenden Erklärungen bezüglich des Kaufhauses zu Beginn des Buches eingespart, hätte man sich gegen Ende des Buches etwas mehr Detail mit historisch belegten Ereignissen gewünscht. Das Buch beginnt 1897 und endet im Jahre 1952. Die Zeitsprünge im Romanverlauf umfassen teils mehrere Jahre. Das erschwert dem Leser dem Verlauf sofort zu folgen und manch auftretende Frage erschließt sich erst später.

Fiktion perfekt gepaart mit Historie

In der Handlung wirkt doch ein relativ großer Personenkreis mit. Schon allein durch die lange Zeitdauer die der Roman beschreibt, tauchen von den Familien der Hauptprotagonisten drei Generationen auf. Die Familie Hirschvogl verdeutlicht dem Leser, dass alle Menschen gleich sind, egal welcher Religion sie angehören. Zunächst ist es für niemanden ein Problem, dass die doch recht beliebte Kaufmannsfamilie dem jüdischen Glauben angehört. Sie sind in München hoch angesehen und gehören dazu. Das drückt Heidi Rehn sehr geschickt dadurch aus, dass vor allem Jakob Hirschvogl komplett im Münchner Dialekt mit seinen Freunden und seiner Familie kommuniziert. Obwohl er zwar das Familienoberhaupt ist, ist der heimliche starke Charakter und kluge Kopf des Kaufhauses seine Frau Thea, die dann später mehr und mehr durch die Tochter Lily ersetzt wird.

Bei dem Mutter-Tochter-Gespann Läticia und Cäcilie Rossbach fällt es einem schwer einzuordnen, ob sie die freundschaftliche Beziehung zu den Hirschvogls aufrichtig oder doch nur aus persönlichen Interessen wegen des Kaufhauses aufrecht erhalten. Nur der Ehemann von Cäcilie, Rudolf Waikersheim, bleibt seiner Rolle als Unsymphath den ganzen Roman lang treu, vor allem dann, als er sich klar hinter der NSDAP positioniert.

Brilliante Wendung von Reich zu Arm

Trotz kleiner Schwächen ein lesenswertes Werk, das uns vor Augen führt, wie übel es angesehenen Personen der damaligen Zeit erging, nur weil sie den jüdischen Glauben hatten. Und diese Beklommenheit, die einen als Leser dabei erreicht, konnte Heidi Rehn ohne Frage vermitteln.

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