Blutige Hände von Heidi Rehn

Buchvorstellung und Rezension

kaufen bei amazon.de

Originalausgabe erschienen 2006 unter dem Titel „Blutige Hände“, , 335 Seiten. ISBN 3897054574.

Kurzgefasst:

April 1870: Ein erster Arbeiteraufstand erschüttert die Königliche Haupt- und Residenzstadt München: Aus Protest gegen miserable Arbeitsbedingungen und erbärmliche Löhne legen die Schneider ihre Arbeit nieder. Mitten in dem Aufruhr geschieht ein Mord: Ein Nähmaschinenhändler wird erstochen. Hat die Tat etwas mit diesem ersten großen Streik, mit den Anfängen der Gewerkschaften und der frühen Sozialdemokratie zu tun? Polizeioffiziant Severin Thiel bleibt nicht viel Zeit, das herauszufinden, denn weitere Unruhen drohen. Da bietet ihm eine Dame, die sich der noch jungen Frauenbewegung verpflichtet fühlt, ihre tatkräftige Unterstützung an.

Das meint Histo-Couch.de: „;Mord im Bayernland“;

von Carsten Jaehner

In der königlichen Haupt- und Residenzstadt München beginnen im Jahr 1870 die ersten Arbeiteraufstände. Ludwig II. ist seit sechs Jahren König, interessiert sich aber mehr für seine Schlösser als für sein Volk. Die Schneider legen als erste bedeutende Berufsgruppe geschlossen die Arbeit nieder, um gegen ihre miserablen Arbeitsbedingungen und ihre geringen Löhne zu protestieren. Zudem greift die Idee der Konfektionsware von der Stange mehr und mehr um sich. In dieser Zeit wird der Nähmaschinenhändler Riederer erstochen. Da das Opfer vielen Leuten unsympathisch war, sind nicht alle um diesen Verlust traurig und daher gibt es auch eine Vielzahl von Verdächtigen.

Mit ihrem historischen Kriminalroman führt uns Heidi Rehn in eine Zeit des gesellschaftlichen Aufbruchs. Es gründen sich die ersten Gewerkschaften, die zwar schon wissen, was sie wollen, sich aber über die Organisation noch nicht wirklich im Klaren sind und die natürlich von den jeweiligen Handwerkern sehr misstrauisch beäugt werden. Nicht alle Arbeiterversammlungen verlaufen zur Zufriedenheit der Gewerkschaftler und nach dem Mord werden die Arbeiter erst recht misstrauisch.

Erschütternde menschliche Schicksale

Heidi Rehns großer Pluspunkt für den Roman ist der ausgefeilte gesellschaftliche Hintergrund, den sie liebevoll und detailreich beschreibt. Von mehreren Familien werden die Ängste und Sorgen geschildert, die ihr Leben bestimmen. Wo die Männer streiken, kommt kein Geld ins Haus, zumal die Streikkassen nicht das versprochene Geld haben, um die Ausfälle für das Nötigste zu bezahlen. Dies treibt die Ehefrauen in die unterbezahlte Schwarzarbeit. Familien müssen ihre Kinder bei Verwandten oder Freunden unterbringen, weil sie sie nicht mehr selbst ernähren können. Zudem beginnen die ersten Frauen, sich mehr für eigene Rechte zu interessieren, anstatt wie bisher von ihren Ehemännern abhängig zu sein.

Diese zum Teil sehr erschütternden Zustände werden sehr nahegehend geschildert und man ist froh, heutzutage nicht mehr so leben zu müssen. Auch die politischen Verhältnisse werden eindrucksvoll dargestellt. In Bayern hatten es die damals aufkommenden Sozialdemokraten schon immer schwer und wie man zweifelsfrei feststellen kann, hat sich das bis heute nicht geändert.

Typisches bayrisches Lokalkolorit

Der Versuch, die bayrische Sprache zu verschriftlichen, gelingt der Autorin recht gut. Dieses Lokalkolorit tut der Grundstimmung des Buches gut, zumal dadurch das verkopfte, traditionelle Bayerntum, dass die Auflösung des Falls auch nicht gerade erleichtert, realistischer hervorgehoben wird. Man hat leicht grantelnde Figuren im Kopf und kann sich gut vorstellen, wie es damals generell in Bayern, speziell in München, zugegangen ist. Da sitzen die Leute schon vormittags bei ihrer Maß Bier, auch im Dienst, aber das gehört halt dazu. Das mag sich leicht klischeehaft anhören, ist es aber eigentlich nicht.

Der eigentliche Kriminalfall ist dagegen unspektakulärer. Der Polizeioffiziant Severin Thiel bekommt von seinem Chef den Auftrag, den Fall zu lösen, obwohl er von der Polizeihierarchie her dazu gar nicht zuständig wäre. Für Thiel ist es aber die willkommene Gelegenheit, sich für das Amt eines Kommissars weiterzuempfehlen – oder bei Nichtgelingen in die Provinz strafversetzt zu werden. Thiel untersucht den Fall, muss aber immer wieder feststellen, dass ihm andere im Denken weit voraus sind, so wie der unsympathische Reporter Stiegler.

Viele Verdächtige und noch mehr Motive

Mehrere Verdächtige sind kurz vor dem Mord noch im Laden gewesen und könnten der Mörder gewesen sein. Die Näherin Emma Niedermayr wollte mit Unterstützung ihres Bruders Alois eine Nähmaschine umtauschen, woraufhin es zu einem Handgemenge kam, das von der Ladnerin, der Ladenbesitzerin, beobachtet wurde. Nach dem Streit bleibt der Riederer mit einer blutenden Wunde am Boden liegen.

Später bekommt der Riederer noch Besuch vom Gewerkschafter Kirsch, und auch mit ihm hat er Streit. Später wurde Alois noch mal beim Laden gesehen, und auch der zweite Gewerkschafter Neff scheint einigen Dreck am Stecken zu haben. Alois denkt, er habe den Riederer ermordet und versteckt sich, obwohl er nicht weiß, ob er es war oder nicht. Kirsch flieht durch halb Bayern, da er inzwischen steckbrieflich gesucht wird, eine Neuerung, die Dank der Einführung des Telegrafen schneller Erfolge erzielen kann als früher. Neff ist als Sozialdemokrat sowieso verdächtig und zudem laufen noch andere zwielichtige Gestalten durch München. Selbst der Polizeichef, der Thiel mit Strafversetzung droht, scheint irgendwie in die Geschichte verwickelt zu sein.

Die Liebe macht alles noch komplizierter

Als Thiel sich in die Freundin der verdächtigen Emma, Johanna Morgenthau, verliebt, die in dieser schweren Zeit Emmas Kinder versorgt, bekommt der Fall eine weitere Ebene, die die Arbeit Thiels erschwert. Überhaupt kommt Thiel generell nicht gut voran mit seinen Ermittlungen und das tut dem Kriminalfall insgesamt nicht gut. Zwar wird dadurch die Lebensart der damaligen Zeit schön hervorgehoben, aber die Spannung, die man bis zu einem gewissen Grad von einem Kriminalfall erwarten kann, wird dadurch nicht sonderlich erhöht. So wie Thiel, tritt auch der Leser seitenlang auf der Stelle.

Der Fall wird in drei Wochen innerhalb von 330 Seiten schließlich gelöst, gefolgt von einem lesenswerten und aufschlussreichen Nachwort, in dem die Autorin noch einmal die politischen und gesellschaftlichen Verhältnisse der Zeit darstellt. Das ist erfreulich kurz und doch sehr informativ. Als historischer Roman weiß „;Blutige Hände“ (wem auch immer sie gehören) sehr zu gefallen, als Krimi lässt die Spannung doch leider zu wünschen übrig. Das Urbayrische, Gemütliche hätte gerne durch eine klarere Handlungsstruktur durchbrochen werden dürfen. Für Krimifreunde ist dieser Roman eher unspektakulär, für Interessierte der Zeit und Freunde Bayerns enthält dieses Buch viel zum Entdecken und Wiedererkennen.

Ihre Meinung zu »Heidi Rehn: Blutige Hände«

K.-G.Beck-Ewe zu »Heidi Rehn: Blutige Hände« 22.10.2007
In diesem neuen Roman beschreibt Heidi Rehn die Umstände um den Streik der Schneidergehilfen im April 1870 in München und das Leben in der damaligen Zeit sehr anschaulich UND schafft es, dies mit einer glaubwürdigen und annehmbaren Kriminalstory zu verknüpfen, die von ebenfalls glaubwürdigen Charakteren vorangetrieben wird. Ein großes und lehrreiches Lesevergnügen, das viele Leserinnen und Leser erfreuen dürfte. Den Historikerinnen und Historikern bietet das Nachwort noch die Möglichkeit, die hier beschriebenen Ereignisse und Personen in ihre möglichst objektive historische „Realität“ einzuordnen.

Helfen Sie anderen Lesern, indem Sie einen Kommentar zu diesem Buch schreiben und den Roman mit einem Klick auf die Säule des Thermometers bewerten. Und bitte nehmen Sie anderen Lesern dabei nicht die Spannung. Danke!

Ihr Kommentar zu Blutige Hände


Hinweis: Fragen nach einem fertigen Referat, einer Inhaltsangabe oder Zusammenfassung werden gelöscht.

Seiten-Funktionen:

über die Histo-Couch:

Histo-Couch.de ist ein Projekt der Literatur-Couch Medien GmbH & Co. KG.
Copyright © 2006–2012 Literatur-Couch Medien GmbH & Co. KG.