Endzeit von Harald Gilbers

Buchvorstellungund Rezension

Originalausgabe erschienen 2017unter dem Titel „Endzeit“,, 560 Seiten.ISBN 3-426-51644-6.

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Kurzgefasst:

Kommissar Oppenheimers dritter Fall. Berlin, Ende April 1945: Die letzten Tage des Dritten Reichs verbringen Kommissar Oppenheimer und seine Frau Lisa in einem Unterschlupf des Ganoven Ede. Doch in den chaotischen Wirren der Niederlage werden sie getrennt. Als Oppenheimer in Edes Auftrag einen verschwundenen Schuldner aufspüren soll, bekommt er unverhofft einen Hinweis auf Lisas Vergewaltiger, den russischen Deserteur Grigorjew. Er stößt auf ein Netz aus Lügen und Täuschungsmanövern, in dessen Zentrum ein Koffer mit brandgefährlichem Inhalt steht. Denn auch andere Mächte sind hinter Grigorjew her. Offenbar sollte er Material schmuggeln, das bei den Atomplänen der Nazis eine Rolle spielte. Und Oppenheimer weiß mehr von der Affäre, als er zunächst ahnt. 

Das meint Histo-Couch.de: „Die Russen übernehmen Berlin“85Treffer

Rezension von Jörg Kijanski

Das Kriegsende in Europa steht unmittelbar bevor, doch noch sind die Russen nicht im Zentrum Berlins angekommen. Ex-Kommissar Oppenheimer und seine Frau Lisa verstecken sich im Gärkeller einer stillgelegten Brauerei, die zwischenzeitlich dem Ganoven Ede als Versteck für seine Waren dient. Nur in Notfällen traut sich Oppenheimer raus, beispielsweise dann, wenn es gilt, unter Einsatz seines Lebens neues Wasser zu besorgen. Mit Dieter findet ein weiterer Mann Unterschlupf im Keller. Wenig Zeit später beobachtet Oppenheimer wie Dieter im Keller eines Nachbargebäudes ermordet wird. Kurz darauf wird Oppenheimer entführt und macht so die Bekanntschaft mit dem russischen Oberst Aksakov, da man Oppenheimer für Dieter hielt. Als Oppenheimer zu Lisa zurückkehrt, muss er feststellen, dass diese von einem Russen vergewaltigt wurde und er sinnt fortan auf Rache. Doch zunächst will Ede, dass der Kleinganove Manni gefunden wird, denn dieser weiß, was sich in dem geheimnisvollen Koffer befand, den Dieter ständig bei sich trug. Auch die Russen um Aksakov sind hinter dem Koffer her und so kreuzen sich Oppenheimers und Aksakovs Wege erneut. Oppenheimer wird zu einer begehrten Spielfigur, denn in dem Koffer befand sich wichtiges Material, das angeblich bei den Atomplänen der Nazis eine Rolle spielte. 

Verwirrung so weit das Auge reicht

Nach Germania und Odins Söhne legt Harald Gilbers seinen dritten Roman aus der Kommissar-Oppenheimer-Reihe vor. Dieser spielt zwischen dem 20. April und dem 7. August 1945. Einmal mehr besticht auch dieser Roman durch seine eindringliche Atmosphäre, ohne dass es dabei zu nennenswerten Längen kommt. Im Gegenteil, man fiebert im Keller ebenso mit wie bei der späteren Flucht von Oppenheimer und Lisa quer durch Berlin mit dem Ziel Ku’damm, wo Schmude zwischenzeitlich ein Modegeschäft betrieb. Schmude ist den Lesern der Reihe als früherer Anwalt von Hilde von Strachwitz bekannt, die in Odins Söhne zum Tode verurteilt wurde. Seitdem machen sich Oppenheimer und Lisa große Sorgen, doch so viel wird schnell im Roman verraten – es gibt ein Wiedersehen. So sind nicht wenige Nebenfiguren unbekannt und deren Sorgen und Nöte wollen ebenfalls erzählt werden. Oppenheimer hat alle Hände voll zu tun und auch der Leser ist zeitweise damit beschäftigt, den Überblick zu behalten.

Das große Plus ist jedoch der großartige Erzählstil des Autors. Berlin liegt 1945 in Trümmern, der Einmarsch der Russen steht unmittelbar bevor und damit einhergehend beispiellose Plünderungen und Schändungen; Lisa ist keineswegs die Ausnahme.

„Vorerst gibt es keine klaren Richtlinien. Selbst im Magistrat wird schon darüber diskutiert, obwohl Abtreibungen ein verflucht verfängliches Thema sind. Es gibt für die Schändungen jetzt auch eine offizielle Bezeichnung: Zwangsverkehr wird es genannt. Klingt schön bürokratisch, nicht wahr? Stadtrat Sauerbruch will Abtreibungen im Falle einer Vergewaltigung dulden, aber der Widerstand ist groß. Für die Katholiken ist ein Schwangerschaftsabbruch unter allen Umständen eine Sünde, und die Sowjets leugnen, dass es überhaupt Vergewaltigungen gegeben hat. Das passt halt nicht zu ihrem Weltbild.“

Zudem herrscht Wassermangel, Lebensmittelkarten sind kaum das Papier wert. Das S- und U-Bahnnetz ist weitgehend funktionslos, die Stromversorgung eher sporadisch. Zudem erfüllt zunehmend der Verwesungsgeruch herumliegender Leichen die Stadt. Oppenheimer organisiert und improvisiert so gut er eben kann, droht jedoch zwischen den zahllosen Fronten, die seinen Einsatz fordern, zerrieben zu werden.

Der Einmarsch der Russen, die damit einhergehende massenhafte Schändung deutscher Frauen, obwohl offiziell von Stalin verboten und das atomare Wettrüsten der Weltmächte einschließlich der Versuche, die führenden Forscher für sich zu gewinnen, sind einige der wichtigen Hintergründe, die der Autor thematisiert. Dazu kommen häufig wechselnde Szenarios aus verschiedenen Perspektiven, gute Cliffhanger und reichlich Action. Das Milieu wird ebenfalls lebendig porträtiert, wobei meist (passenderweise) im Berliner Dialekt gesprochen wird. Alles in allem einmal mehr ein ebenso farbenprächtiges wie düsteres Leseerlebnis. 

Ihre Meinung zu »Harald Gilbers: Endzeit«

leseratte1310 zu »Harald Gilbers: Endzeit«18.07.2017
„Endzeit“ ist bereits der dritte Band um den jüdischen ehemaligen Kommissar Richard Oppenheimer in Berlin. Der Vorgängerband „Odins Söhne“ endet damit, dass Oppenheimer mit seiner Frau Lisa untertauchen muss und dafür die Hilfe des Ganoven Ede in Anspruch nimmt. Sie sind nun schon ein paar Wochen im Bräukeller, als Ede noch jemanden dort unterbringt und Richard mitteilen lässt, dass er ein Auge auf dessen Koffer haben soll. Während sie in dem Keller sind, hören sie die unerbittlichen Kämpfe draußen. Die russischen Truppen sind nicht mehr weit entfernt und es kann nicht mehr lange dauern, bis der Krieg zu Ende gehen muss. Als Richard und Lisa durch die chaotischen Verhältnisse getrennt werden, wird Lisa vergewaltigt und Richard macht sich Vorwürfe, dass er es nicht verhindern konnte. Erst später erfährt er durch einen Zufall, wer das Lisa angetan hat und er will Rache. So verbindet er die Ermittlungen, die Ede ihm aufträgt mit seinen persönlichen. Aber nicht nur er ist hinter dem russischen Deserteur Grigorjew her, der wie einige andere Interesse an dem Koffer von Dieter Roski hat.
Hilde hat auch überlebt und ist immer noch im Gefängnis. Während andere sich wegducken, wenn es knallt, sieht sie sich an, was draußen passiert und nutzt die Chance, die sich ihr dann bietet.
Man mag sich gar nicht vorstellen, wie grauenhaft die Lebensbedingungen der Menschen in Berlin zu jener Zeit sind. Aber auch mit der Kapitulation werden die Verhältnisse nicht besser. Es herrscht ein Ausnahmezustand, der leider auch viel Schlimmes mit sich bringt. Die Menschen wollten nur überleben und sind hart geworden. Anstand und Moral sind häufig auf der Strecke geblieben. Frauen werden von russischen Soldaten vergewaltigt und es gibt welche, die andere vorschieben in der Hoffnung, ihnen würde es dadurch erspart. Es ist bewundernswert, wie die Frauen damit umgegangen sind.
Mir hat Oppenheimer dieses Mal ein wenig leidgetan. Er wurde zum Spielball der Mächte und hat es erst spät bemerkt, da seine Rachegedanken ihn nicht losgelassen haben. Dabei ist Lisa eine starke Frau, die zwar angeschlagen ist, aber noch lange nicht am Boden liegt. Aber auch Hilde ist eine starke Frau und es ist schon toll, wie kaltschnäuzig sie ihre Interessen durchsetzt.
Es hat mir wieder gut gefallen, wie der Autor die furchtbaren Dinge erwähnt, ohne sie in aller Breite zu beschreiben. Trotzdem hat man das Geschehen in seiner ganzen Dramatik vor Augen. Die letzten schweren Kämpfe haben noch viele Opfer gefordert. Massengräber werden mitten in der Stadt angelegt, damit der Gestank eingedämmt wird und es nicht zu Epidemien kommt. Aber es gibt auch sehr schnell wieder Hoffnungsvolles. Sehr schnell ist die S-Bahn wieder in Betrieb und die Berliner Philharmoniker geben ihr erstes Konzert.
Der Kriminalfall ist fast schon Nebensache, die Verhältnisse im Berlin der Kriegs- und Nachkriegszeit nehmen den größten Raum in diesem Buch ein. Trotzdem vermag dieses Buch einen zu fesseln. Ich bin schon gespannt auf den nächsten „Oppenheimer“.
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