Wo drei Flüsse sich kreuzen von Hannah Kent

Buchvorstellungund Rezension

Originalausgabe erschienen 2017unter dem Titel „The Good People“,deutsche Ausgabe erstmals 2017, 432 Seiten.ISBN 3-426-19979-3.Übersetzung ins Deutsche von Leonie Reppert-Bismarck.

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Kurzgefasst:

Irland 1825: Die 14-jährige Mary soll der verwitweten Bäuerin Nora mit deren schwer behindertem Enkel Michael zur Hand gehen. Der kleine Junge, so munkelt man im Dorf, sei ein Wechselbalg, ein Feenkind, und mache die Kühe krank. Mary gibt nichts auf das Gerede, doch als Nora davon hört, reift in der einsamen, verzweifelten Frau eine ungeheuerliche Idee: Wenn es ihr gelingt, den Wechselbalg zu vertreiben, würde sie den gesunden Michael wiederbekommen und endlich wieder eine echte Familie haben. Getrieben von Angst und Aberglaube und unterstützt durch die geheimnisvolle Kräuterfrau Nance ist sie bald bereit, alles zu versuchen – und Mary fällt es immer schwerer, sich gegen die beiden Frauen durchzusetzen. 

Das meint Histo-Couch.de: „Düstere Geschichte von Aberglaube und Kindesmord“92Treffer

Rezension von Rita Dell'Agnese

Haben die Heilerin Nance und die Witwe Nóra den kleinen Micheál kaltblütig ermordet? Diese Frage muss im Jahr 1826 ein Gericht in Irland klären. Die 14-jährige Mary, Magd bei der Witwe Nóra, erzählt davon, wie Nance den Vierjährigen so lange im Fluss unter Wasser gedrückt hat, bis er ertrunken ist. Nance und Nóra beteuern jedoch, dass Micheál ein Wechselbalg gewesen sei und sie nichts anderes getan hätten, als das Kind seinem Volk zurück gebracht zu haben, um den richtigen Enkel der Witwe zurück zu bekommen. Denn Micheál war kein normales Kind mehr: Nachdem er sich die ersten Jahre gesund entwickelt hatte,  ist er inzwischen ein hilfloses Bündel, das ständig schreit, sich weder artikulieren noch sitzen oder gehen kann. Der Arzt, den Nóra und ihr verstorbener Mann zu Rate zogen, bezeichnete das Kind als unheilbaren Cretin.

Nóra leidet zunehmend unter der Situation, vermisst ihren Mann und fühlt sich in der sie umgebenden Dorfgemeinschaft ausgegrenzt. Der Verlust ihrer Tochter, die nur ein paar Monate vor ihrem Mann starb und die Überforderung durch den behinderten Enkel, den sein Vater bei der Großmutter abgegeben hatte, zollen ihren Tribut. Nance, der gegenüber sie sich bisher eher zurückhaltend gab, ist ihre letzte Hoffnung. Die Heilerin steht im Ruf, mit dem guten Volk in Verbindung zu stehen und ist für ihre Heilkünste bekannt. Kaum jemand ahnt, dass Nance manchmal auch um böse Zauber angefragt wird, bisher aber immer abgelehnt hat, was ihr die Missgunst und den Hass einiger Dorfbewohner einträgt. Das Tal macht gerade eine schwere Zeit durch: Dauerregen lässt die Ernte verkümmern, die Tiere geben kaum mehr Milch und Eier. Die einen Talbewohner sehen in Nance die Schuldige, sie soll das Tal mit einem bösen Fluch belegt haben. Andere machen den Störenfried in Nóras Enkel aus. Eine Totgeburt, eine Frau mit bösen Verbrennungen und Existenzängste schüren den Zorn der Bewohner, bis sie Nance zu Leibe rücken wollen.

Düster und intensiv

Hannah Kents Roman Wo drei Flüsse sich kreuzen ist ein düsterer Roman, der die dunklen Seiten einer Gesellschaft aufzeigt, die sich in der Schwebe zwischen dem alten Aberglauben und dem Christentum befindet. Sehr schön nimmt die Autorin die verschiedenen Hintergründe auf und legt dar, was der Handlung der einzelnen Charaktere zugrunde liegt. Es sind nicht große und überraschende Ereignisse, die diesen Roman prägen, es sind die Feinheiten einer Talgemeinschaft, die unter Existenzängsten leidet und darben muss. Der Dauerregen und die kargen Verhältnisse sind sehr gut aufgefangen und kommen in den beschrieben Szenen hervorragend zum Ausdruck. Der Leser fühlt sich in eine nass-dunkle Kate versetzt, kann das Torffeuer und den Dung der Tiere in den engen Hütten riechen. Damit beweist die Autorin auch ihre absolute Stärke: Mit ihren Worten eine so starke Atmosphäre zu schaffen, dass der Leser regelrecht in den Roman hinein gesogen wird.

Einem echten Fall nachempfunden

Die aus Australien stammende Autorin erweckt den Eindruck, als sei sie tief in der beschriebenen Gegend verwurzelt. Es ist trotz allen quälenden, dunklen Elementen eine intensive Liebe zu diesem Tal spürbar. Die Menschen, denen Hannah Kent Leben eingehaucht hat, sind echten Figuren nachempfunden. So gab es auch den Gerichtsfall um den getöteten Jungen. Mit einer intensiven Sprache, dem Geschick, die Lücken in der Historie mit Phantasie zu füllen und der Gabe, die Leser zu einem Teil des Geschehens zu machen, bietet Hannah Kent einen bemerkenswerten Roman mit viel Tiefgang und der Erkenntnis, dass es nicht immer Geschichten mit spektakulären Handlungen sein müssen, die so intensiv nachklingen.

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