Sein blutiges Projekt von Graeme Macrae Burnet

Buchvorstellungund Rezension

Sein blutiges Projekt von Graeme Macrae Burnet

Originalausgabe erschienen 2015unter dem Titel „His Bloody Project“,deutsche Ausgabe erstmals 2017, 344 Seiten.ISBN 3958900550.Übersetzung ins Deutsche von Claudia Feldmann.

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Kurzgefasst:

August 1869: Ein verschlafenes Bauerndorf an der Westküste Schottlands wird von einem brutalen Dreifachmord erschüttert. Der Täter ist rasch gefunden. Doch was trieb den 17-jährigen Roderick Macrae, Sohn eines armen Pächters, dazu, drei Menschen auf bestialische Weise zu erschlagen? Während Roddy im Gefängnis auf seinen Prozess wartet, stellen die scharfsinnigsten Ärzte und Ermittler des Landes Nachforschungen an, um seine Beweggründe aufzudecken. Ist der eigenbrötlerische Bauernjunge geisteskrank? Roddys Schicksal hängt nun einzig und allein von den Überzeugungskünsten seines Rechtsbeistandes ab, der in einem spektakulären Prozess alles daransetzt, Roderick vor dem Galgen zu bewahren. 

Das meint Histo-Couch.de: „Einblick in die (schottische) Kriminalgeschichte des 19. Jahrhunderts“75

Rezension von Jörg Kijanski

Am 10. August 1869 wird das schottische Culduie in Ross-shire von einem Dreifachmord erschüttert. Der gerade einmal siebzehnjährige Roderick Macrae hat den Constable des Dorfes, Lachlan MacKenzie, sowie zwei seiner Kinder brutal erschlagen. Culduie ist ein winziges Dorf, bestehend aus neun Häusern oder besser gesagt Hütten und fünfundfünfzig Einwohnern. Die Menschen arbeiten als sogenannte Crofter, Kleinbauern. So bewirtet die Familie Macrae ein kleines, gepachtetes Feldstück und besitzt zudem zwei Milchkühe und sechs Schafe. Jeder kennt jeden, Kontakte zu anderen Dörfern sind selten, das Leben ist geprägt von harter Arbeit und zudem entbehrungsreich. Doch wie konnte es zu einem derart grausamen Vorfall kommen?

„Ich will damit einfach nur sagen, Mr. Macrae, dass ihm verschiedene Möglichkeiten offenstünden.“

„Sie meinen, er könnte etwas Besseres werden als ein Crofter?“

„Ich würde nicht sagen, etwas Besseres, Mr. Macrae, aber etwas anderes. Ich bin lediglich hierhergekommen, um sicherzugehen, dass Sie wissen, welche Chancen sich Ihrem Sohn bieten.“

„Wir brauchen keine Chancen. Der Junge soll auf dem Feld arbeiten und damit Geld für seine Familie verdienen.“

Sein blutiges Projekt besteht wesentlich aus drei Teilen. Zunächst folgen die Aufzeichnungen des Roderick Macrae, welche dieser während seines Gefängnisaufenthaltes im Castle Inverness auf Anraten seines Rechtsbeistandes anfertigte. Danach folgt ein Bericht des Gefängnisarztes und Kriminalanthropologen James Bruce Thomson mit dem bezeichnenden Titel „Auszug aus Reisen in das Grenzland des Wahnsinns“ und zuletzt ein ausführlicher Bericht über den Gerichtsprozess, in dem die Verteidigung versucht, auf „geistige Verwirrung“ zu plädieren, um den Tod durch den Strang zu entgehen.

Lobeshymnen für „Thriller“ unverständlich

Von Beginn an ist klar, dass Roderick die Morde begangen hat und so bleibt in puncto Spannung lediglich die Frage, ob es der Verteidigung gelingt, mit ihrem Antrag auf geistige Verwirrung durchzukommen. Wie man vor diesem Hintergrund von einem „raffinierten Thriller“ (Daily Express) oder einem gar „meisterhaften psychologischen Thriller“ (Shortlist Man Brooker Prize 2016) sprechen kann, bleibt ein Rätsel.

Gleichwohl ist das Buch als historischer Roman durchaus empfehlenswert. Zunächst zeigt sich anhand der Aufzeichnungen des Roderick Macrae, dass Armut nicht unbedingt Dummheit bedeuten muss. Zumindest für die damalige Zeit eine mitunter neue Erkenntnis, wie sich aus den späteren, von Arroganz gespickten Aufzeichnungen des Arztes Thompson ergibt. Roderick ist ein ruhiges Kind, lebt zurückgezogen in seiner Familie. Dennoch ist er in der Schule außergewöhnlich begabt, vor allem die Sprachen haben es ihm angetan und so sind seine Aufzeichnungen auch „literarisch“ deutlich anspruchsvoller als man es bei einem siebzehnjährigen (Bauern) erwarten darf – so er diese denn geschrieben hat.

Packender Ausflug in die damalige Zeit

Roderick berichtet vom Tod seiner Mutter auf dem Kindbett, mit dem wohl alles abwärts ging. Seine Schwester Jetta ergriff die Schwermut, der Vater ließ sich und sein Grundstück zunehmend gehen und fiel in eine Art Lethargie. Das Leben für den jungen Roderick ist nicht einfach, zudem ist der neu gewählte Constable Lachlan MacKenzie alles andere als beliebt. Vor allem scheint er es jedoch auf das Grundstück der Macraes und auch auf Jetta abgesehen zu haben, denn die Familie wird zunehmend von ihm schikaniert und droht gar ihr Land zu verlieren.

„Die Untersuchung der Verbrecherrasse sollte sich nicht ausschließlich auf die Vererbung konzentrieren, sondern auch auf die Bedingungen achten, unten denen das degenerierte Individuum lebte. Die Vererbung kann nicht die alleinige Ursache für das Begehen eines Verbrechens sein. Der Gestank der Armenviertel, Hunger und ein allgemeines Milieu von Unmoral müssen als Faktoren miteinbezogen werden. Zahlreiche Studien haben gezeigt, dass  Kinder degenerierten Ursprungs, die aus den elenden Behausungen ihrer Eltern entfernt wurden, im Rahmen ihrer intellektuellen Möglichkeiten ein durchaus nutzbringendes Leben geführt haben.“

Thompson berichtet anschließend von seinen Untersuchungen und Erkenntnissen über die „Verbrecherrassen“ seiner Zeit. Hochmütig und selbstverliebt zeigt er die Überlegenheit des studierten Stadtmenschen gegenüber dem armen, ungebildeten Landvolk. Sein Sprachgebrauch ist verstörend, jedoch zumindest teilweise der damaligen Zeit geschuldet. Jedoch erhält man hierdurch einen sehr interessanten Einblick in die Anfänge der Kriminalpsychologie, denn die Frage nach der geistigen Zurechnungsfähigkeit war bis dato neu. Dementsprechend ist auch der abschließende Prozess von Interesse, wenngleich das Urteil kaum überraschen dürfte.

Wer sich für das Alltagsleben der Menschen im 19. Jahrhundert, hier in einem schottischen Dorf, sowie für Kriminalgeschichte interessiert, wird an dem Roman Sein blutiges Projekt durchaus seine Freude haben. Auch wenn es an Spannung im Sinne eines Thrillers fehlt, lässt sich das Buch gut in einem Rutsch durchlesen.

Ihre Meinung zu »Graeme Macrae Burnet: Sein blutiges Projekt«

Angellika zu »Graeme Macrae Burnet: Sein blutiges Projekt«15.02.2017
Inhalt:
1869 tötete Roderick Macrae seinen Nachbarn, Lachlan Mackenzie, und dessen Kinder. Er gestand die Morde ohne Umschweife. Auf Anraten seines Anwalts schrieb er die ganze Geschichte, die zu seiner Tat geführt haben, auf. In seiner Niederschrift erfährt man, wie das Leben in einem kleinen, schottischen Dorf des 19 Jahrhunderts ablief und welche Gründe er hatte die grausigen Morde zu begehen.

Meine Meinung:
Die Beschreibung in Ordnung passt zu diesem Buch ganz gut. Es ist weder spannend noch gruselig, erzählt aber eine Geschichte, die etwas anders aufgeschrieben interessant hätte werden können.
So weiß man von Anfang an, dass Roderick der Mörder ist und wen er umbringt. Auch weiß man, wie die Morde geschehen sind und auch die Hintergründe werden sehr schnell aufgeklärt. Würde der Autor nicht zwischen der Gegenwart im Gefängnis und der Vergangenheit, also der Zeit vor den Morden, springen, sondern nur die Geschichte erzählen, hätte es sehr viel mehr Spannung gegeben.
Dennoch würde ich das Buch nicht als schlecht bezeichnen, da es eine gelungene Geschichte erzählt. Für jemanden dem normale Thriller zu viel sind, eignet sich dieses Buch sehr gut. Auch kann man das damalige Leben gut an dem Buch nachvollziehen.
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http://libri-mundi.blogspot.de/2017/02/sein-blutiges-projekt-von-graeme-macrae.html
PMelittaM zu »Graeme Macrae Burnet: Sein blutiges Projekt«14.02.2017
1869: In dem schottischen Bauerndorf Culduie geschieht ein Dreifachmord, der Täter wird schnell gefunden, es ist der 17jährige Roderick Macrae, der die Tat zugibt. Der Roman stellt die Frage, wie es dazu kommen konnte und hat eine ganz eigene Herangehensweise, wie er dem Leser das Geschehen vermittelt.

So erfährt man nicht nur von Roderick selbst, wie es zu den Morden kam, sondern kann – ganz unterschiedliche und widersprüchliche – Aussagen von Nachbarn und Bekannten über Roderick lesen, ebenso medizinischen Gutachten über die Opfer, den Bericht eines Psychologen, der Roderick begutachtet hat, und ist hautnah beim Prozess dabei. Hat man sich als Leser durch den Bericht des Täters, den ersten größeren Abschnitt des Romans, schon eine gewisse Meinung gebildet, und womöglich sogar etwas Sympathie, zumindest aber Verständnis entwickelt, wird dies schon an dessen Ende erschüttert – und durch die darauffolgenden Abschnitte noch ein bisschen mehr, da man noch einen anderen Blick auf die Geschehnisse erhält und sich die Frage stellen muss, was wirklich dahinter steckte, welches Motiv tatsächlich zur Tat führte.

Mir hat diese Herangehensweise sehr gut gefallen, zumal der Autor sehr eingängig erzählt. Auch wenn man nicht wirklich von Spannung sprechen kann, so will man doch wissen, wie es zu der Tat kam und welche Konsequenzen sie haben wird. Nebenbei erfährt man noch Einiges über das Leben der vom Gutsherrn abhängigen Bauern,das kein leichtes war. Interessant ist auch der Blick auf die sich entwickelnde Kriminalanthropologie, die aus heutiger Sicht eher Kopfschütteln auslöst, der aber durch den Psychologen James Bruce Thomson, der tatsächlich existiert hat, authentische (und sehr herablassende) Züge verliehen werden.

Nicht nur die Geschichte ist interessant und komplex, auch die Charaktere sind es, sie sind Wesen aus Fleisch und Blut, und in vielerlei Ausprägung vorhanden. Jeder ist ein Typ für sich, nicht alle sind sympathisch, manch einer löst Unverständnis aus und hin und wieder ist man als Leser einfach nur entsetzt, wie Menschen handeln und reagieren können.

Der Roman wird als Thriller verkauft, in meinen Augen ist er aber alles andere als das. Eher kann man von einer psychologischen, vielleicht auch einer sozialen Studie sprechen, der Biographie einer Bluttat oder auch der Geschichte eines jungen Mannes, der sich womöglich nicht mehr anders zu helfen wusste. Es ist ein ungewöhnlicher, aber sehr interessanter historischer Roman, der uns die Lebensverhältnisse der abhängigen Bauern im schottischen Hochland ebenso nahe bringt wie die Entstehung einer schrecklichen Bluttat. Ich habe mich während des Lesens immer wieder gefragt, ob tatsächlich ein echter Fall dahinter steckt, denn der Roman ist wie ein Tatsachenbericht aufgebaut und die Namensgleichheit mit dem Autor scheint darauf hinzuweisen.

Mich hat der Roman begeistert und gefesselt, ich mochte ihn kaum aus der Hand legen und wurde regelrecht entführt an die Schauplätze der Handlung. Gerne vergebe ich 91° und spreche eine Leseempfehlung aus.
-LENA- zu »Graeme Macrae Burnet: Sein blutiges Projekt«08.02.2017
Ein schrecklicher Dreifachmord ereignet sich im August 1869 in einer abgelegenen Gegend in Schottland. Der Mörder ist gefasst und bekennt sich schuldig ohne Angaben von Gründen.
Wie kommt es dazu, dass ein siebzehnjähriger zu einer solchen schrecklichen Tat fähig ist?
Warum hat Roderick Macrae, genannt „Roddy“ diese Opfer ausgesucht ?
Auf Anraten seines sehr engagierten Anwalts Sinclair soll Roddy selbst seine Geschichte bis zu der Tat aufschreiben. Verblüffend ist, dass die Ausdrucksweise auf eine gewisse Bildung hindeutet. Dies ist sehr ungewöhnlich , da die Bewohner eher wortkarg sind. Wie sieht sich Roddy selbst? Was verdrängt er bei seinen Aufzeichnungen?
Er ist ein Einzelgänger, die familiäre Situation ist nicht die Beste und bekommt er Aufmerksamkeit fixiert er sich auf diese Personen. Sehr gut vorstellbar ist das Umfeld, indem er aufwächst. Auch welche Auswirkungen die Repressalien des Constable auf die seit Generationen hier lebenden Crofter haben.
Sinclair kämpft um seinen Klienten und lässt nichts unversucht um ihn vor dem Tod am Galgen zu retten. Zu dieser Zeit gibt es die ersten Anfänge der Kriminalanthropologie. Sinclair kontaktiert den bekannten Forscher Thomson. Er untersucht die prekären Verhältnisse unter denen die Crofter leben, die selten Kontakt zur Außenwelt haben. Zu welchen Schlussfolgerungen kommt dieser?

Durch den raffinierten Aufbau mit der Mischung aus Zeugenaussagen, Prozessverlauf und den Aufzeichnungen von Roddy ist dem Autor eine bemerkenswerte Zusammenfassung des Falles Roderick Macrae gelungen.

Ein spannender Thriller bzw. Dokumentation bis zum Schluss mit überraschenden Einblicken, Wendungen und den verschiedenen Perspektiven, bei dem der Leser zwischen Realität und Fiktion kaum unterscheiden kann.
Klare Leseempfehlung!
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