Die Tochter des Medicus von Gerit Bertram

Buchvorstellungund Rezension

Die Tochter des Medicus von Gerit Bertram

Originalausgabe erschienen 2015unter dem Titel „Die Tochter des Medicus“,, 512 Seiten.ISBN 3-7645-0440-4.

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Kurzgefasst:

Als Gideon Morgenstern in Regensburg das Erbe seines Großvaters antritt, ahnt er nicht, dass der Koffer, den der alte Mann ihm vermacht hat, sein Leben für immer verändern wird. Gideon, der stets gegen die Traditionen aufbegehrte und als Einziger in der Familie nicht Arzt wurde, entdeckt plötzlich die tragischen Zeugnisse einer längst verschwundenen Welt: alte Fotografien, ein Hochzeitsgewand – und vor allem eine uralte Holztruhe. Diese gehörte Daniel Friedman, einem jüdischen Arzt, der 1519 in Regensburg bei einem Pogrom ermordet wurde. Als einzige Überlebende nahm seine Tochter Alisah den Medizinkoffer an sich und führte sein Handwerk fort. Doch als jüdische Frau war es nicht nur gefährlich, sondern auch verboten, als Ärztin tätig zu sein ...

Das meint Histo-Couch.de: „Ein Familienschatz“60

Rezension von Annette Gloser

Im Jahr 2013 erbt Gideon Morgenstern nicht nur das Haus seines Großvaters in Regensburg, sondern auch eine Truhe, die angeblich das Wertvollste enthält, das der Großvater besaß. Recht schnell stellt Gideon fest, dass dies eine Chronik seiner Familie ist, er selbst mit diesem Schatz nicht viel anfangen kann. Es handelt sich zum Teil um Notizbücher, die in hebräischer Sprache geschrieben wurden. Und im Hebräischunterricht war Gideon kein aufmerksamer Schüler. Darum engagiert er Paula, eine Studentin, die für ihn die Notizbücher übersetzt. Es handelt sich um die Tagebücher einer jungen Frau, die im Jahr 1519 in Regensburg lebte und die Vertreibung der Juden aus der Stadt miterlebte. Alisah Friedmann heißt die Verfasserin der Tagebücher, Tochter des Arztes Daniel Friedmann, und Vorfahrin von Gideon Morgenstern. Schnell stellt Gideon fest, dass ihn die Geschichte Alisahs in ihren Bann zieht. Eine tapfere junge Frau, die allen Widrigkeiten zum Trotz darum kämpft, sich ihren Lebenstraum zu erfüllen: Alisah möchte Ärztin werden.

Für Gideon, der selbst gerade versucht, sein Leben neu zu ordnen, geben diese Tagebücher wichtige Denkanstöße. Und er beginnt, auch sein Verhältnis zu seiner Familie und seiner Herkunft in einem völlig neuen Licht zu sehen.

Schwierigkeiten mit den Fakten

Hinter dem Namen Gerit Bertram verbirgt sich ein Autorenduo, das mit Die Tochter des Medicus einen weiteren historischen Roman vorlegt. Erzählt wird auf zwei Zeitebenen. Die erste Ebene spielt 2013 und schildert die Konflikte Gideon Morgensterns, die zweite Ebene beginnt im Jahr 1519 und erzählt die Geschichte Alisah Friedmanns. Aber gerade was die zweite Ebene angeht, so hat die Historie eben doch ihre Tücken und verlangt nach Beachtung von wissenschaftlichen Fakten.

Dies fängt mit so einfachen Dingen wie einem Nachnamen an. Alle jüdischen Familien tragen in diesem Roman Nachnamen, so wie man sie heute kennt. Und es sind auch die als „typisch jüdisch“ bekannten Namen wie Friedmann oder Morgenstern. Damit sind die Autoren für den deutschen Sprachraum gute dreihundert Jahre zu früh dran. Im 16. Jahrhundert waren Patronyme wie Ben Salomo (Sohn des Salomo) oder Ben Jizchak (Sohn des Isaak) üblich, bei Frauen entsprechend Bat Salomo oder Bat Jizchak (Tochter des...). Und den falschen Namen folgen andere Probleme. Höchst unwahrscheinlich, dass in einer jüdischen Familie, und sei sie noch so arm, niemand lesen und schreiben konnte. Das Lesen der Thora ist religiöse Pflicht, das musste zumindest jeder Junge können. Ebenso unwahrscheinlich, dass eine jüdische Frau den Vornamen Clara trug (der sich vom Lateinischen ableitet und der auch der Name einer christlichen Heiligen ist.) Dass Krankenpflegerinnen als „Schwester“ bezeichnet wurden geht nun ganz und gar an der Realität vorbei, entstand diese Bezeichnung doch in den Klöstern, wo Nonnen die Krankenpflege übernahmen. Solche „Fehltritte“ sind mehr als ärgerlich! Niemand verlangt von Schriftstellern, dass sie alles wissen. Aber sie sollten sich Unterstützung suchen wenn sie ein Thema bearbeiten, das ihnen nicht unbedingt geläufig ist. Wer sich mit jüdischer Geschichte beschäftigt hat, stolpert hier beim Lesen sehr schnell, schüttelt den Kopf und legt das Buch beiseite.

Abgesehen davon: Auch in der modernen Zeitebene gibt es die eine oder andere Ungereimtheit. Eine gebildete und traditionsbewusste jüdische Familie, die einen solchen Schatz ihr Eigen nennt und darüber nicht das jüdische Museum informiert? Undenkbar! Und eine solche Familie lässt dann immer nur den ältesten Sohn in die Truhe schauen und die jüngeren Söhne oder Töchter werden davon ausgeschlossen? Sehr unglaubhaft.

An der Realität vorbei

Dem gegenüber stehen sehr einfühlsame Schilderungen des Lebens im Judenviertel, der Vertreibung und des Leids. Beide Zeitebenen sind in ihrem Plot nicht sonderlich kompliziert angelegt und eher einfach strukturiert. Das liest sich ganz flott und wenn man sich nicht gerade über die oben genannten Ungereimtheiten ärgert, dann kann man vielleicht auch seine Freude am Lesen haben. Alisahs Geschichte hat einige spannende Passagen, allerdings sind die Erzählungen auf beiden Seiten in ihrer Entwicklung sehr vorhersehbar. Die historische Ebene zumindest ab einem bestimmten Punkt, die moderne Ebene eigentlich von Anfang an. Schade, dass auch die Menschen des Jahres 2013 eher blass und in der Charakterzeichnung flach bleiben. Da hat Hauptprotagonistin Alisah schon mehr zu bieten und ist eine sympathische Persönlichkeit. Aber dann stolpert man über eine Art Mobbing im jüdischen Krankenhaus, und alle „Schwestern“ hacken auf dem Mädchen herum, das seine Familie verlor und durch ihre Erlebnisse schwer traumatisiert ist. Und man fragt sich, ob die Autoren wissen, was eine Mizwah ist und dass es selbst für unfromme Juden in dieser Zeit eigentlich unvorstellbar war, dagegen zu verstoßen. Für den Einzelnen vielleicht, aber nicht für eine ganze Meute.

Immer wieder geht der Roman an der Realität vorbei. Teilweise wird glorifiziert, dann wieder Geschehnisse geschildert, die unglaubhaft sind. Wirklich schade, denn das hätte eine tolle Geschichte werden können.

Ihre Meinung zu »Gerit Bertram: Die Tochter des Medicus«

Chattys Bücherblog zu »Gerit Bertram: Die Tochter des Medicus«12.07.2015
Das Schicksal einer Frau wird zum Vermächtnis einer ganzen Familie

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Klappentext:

Als Gideon Morgenstern in Regensburg das Erbe seines Großvaters antritt, ahnt er nicht, dass der Koffer, den der alte Mann ihm vermacht hat, sein Leben für immer verändern wird. Gideon, der stets gegen die Traditionen aufbegehrte und als Einziger in der Familie nicht Arzt wurde, entdeckt die tragischen Zeugnisse einer längst verschwundenen Welt: alte Fotografien, ein Hochzeitsgewand - und vor allem einen uralten Holzkoffer. Dieser gehörte Daniel Friedmann, einem jüdischen Arzt, der 1519 in Regensburg bei einem Pogrom ermordet wurde. Als einzige Überlebende aus der Familie nahm seine Tochter Alisah den Medizinkoffer an sich und führte sein Handwerk fort. Doch als jüdische Frau war es nicht nur gefährlich, sondern auch verboten, als Ärztin tätig zu sein.

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Meine Meinung:

Wie man viel schon bemerkt hat, bin ich ein Fan historischer Romane. So war mir auch sehr schnell klar, dass ich das vorliegende Buch unbedingt haben wollte.

Schon der Anblick des Covers hatte mich total neugierig gemacht. So neugierig, dass ich nach dem Erhalt des Rezensionsexemplars sofort mit dem Lesen begonnen habe.

Einfühlsam, aber niemals kitschig beschreibt das Autorenpaar (Iris Klockmann und Peter Hoeft) das Schicksal einer jungen Frau um 1500, die trotz aller Auflage, Verbote und Schwierigkeiten ihrer Berufung nachgehen möchte. Aber nicht nur das. Im zweiten Handlungsstränge, begründet durch den Fund eines Tagebuchs, wird die Geschichte von Gideon erzählt. Gideon lebt allerdings im hier und heute. Er lernt durch das Tagebuch nicht nur seine Vorfahren kennen, sondern hat nun auch die Möglichkeiten sein Leben in eine andere Richtung zu lenken. Beide Handlungsstränge laufen parallel und sind jedoch deutlich zu unterscheiden.

Sehr detailliert werden die Zeitgeschehen beschrieben, so dass man als Leser das Gefühl hat, mitten dabei zu sein. Also nicht nur Leser, sondern vielmehr als Zuschauer. Deshalb könnte ich mir die Story sehr gut verfilmt vorstellen.

Sehr schön fand ich auch die Beschreibung des "Koffers wider des Vergessens". In der Tat sollten solche Schätze gewürdigt und nicht in Vergessenheit geraten.

Vergessen dürfen wir auch nicht die Worte, die noch heute im Sprachgebrauch sind, ihren Ursprung jedoch in der jüdischen Sprache haben: Bammel, Schmonzes etc. Siehe hierzu auch das Glossar, das Aufschluss über die verwendeten Begriffen bietet.

Einen kleinen Wehmutstropfen hatte es aber doch. Stellenweise, etwa ab 2/3 des Buches, fand ich die historische Geschichte, also die Geschichte der Alisah etwas zu langatmig und nur seitenfüllend. Ich war manchmal geneigt einfach weiterzublättern, habe dann aber doch tapfer durchgehalten.

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Fazit:

Ein toller historischer Roman, der auf zwei Zeitebenen spielt. Absolut Lesenswert!
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