Fluch über Rungholt von Franziska Steinhauer

Buchvorstellungund Rezension

Fluch über Rungholt von Franziska Steinhauer

Originalausgabe erschienen 2017unter dem Titel „Fluch über Rungholt“,, 346 Seiten.ISBN nicht vorhanden.

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Kurzgefasst:

Schon seit geraumer Zeit beobachtet Pfarrer Roerd Asmus die Irrwege seiner Gemeinde mit Abscheu: Prügeleien, Saufgelage und Vergewaltigungen. An einem grauen Wintermorgen wird Arnft, einer der Torfsieder, in einem Bottich tot aufgefunden. Zu erkennen ist er nur noch an einer Tätowierung, die er sich vor vielen Jahren hatte stechen lassen. Der Mann hatte sich zuvor viele Feinde im Dorf gemacht. Die Bürger von Rungholt, einer kleinen Nordseeinsel, verdächtigen die Engelmacherin Silja.

Das meint Histo-Couch.de: „Eine Insel vor dem Untergang65

Rezension von Jörg Kijanski

Rungholt gehörte zur nordfriesischen Küstenlandschaft Strand und versank vermutlich in der “Zweiten Marcellusflut„, der “Grote Mandränke", am 16. Januar 1362. Dies sollte bekannt sein, da man erst auf den letzten Seiten des Romans erfährt, wann dieser spielt. Er endet mit dem Untergang der Insel, den selbst Pfarrer Asmus herbeisehnt, angesichts des gottlosen Lebens, welches seit längerer Zeit Einzug gehalten hat. Glücksspiel, Saufgelage und Schlägereien sind an der Tagesordnung, ohne dass es die Menschen zu stören scheint. Schlimmer kann es kaum kommen, doch – wie so oft – ist dies auch hier möglich.

„Herr, ich flehe dich an, schick eine große Flut und spüle all diese Menschen von Rungholt in die Tiefe des Meeres. Besser noch: Versenke die ganze Insel! Reiß sie in den Tod. Sie haben nur noch das Verderben verdient! Erst Aug in Aug mit dem Tod werden sie möglicherweise eine Läuterung erfahren, ihren Irrweg erkennen und zum wahren Glauben zurückkehren!“

Zunächst wird die junge Tilda im Moor gefunden. Nackt mit einem kleinen Einstich in Herznähe. Wenige Tage später wird die Leiche von Enken aufgefunden. Ebenfalls unbekleidet im Moor und einem Einstich am Herzen. Für ein Messer sind die Einstichstellen zu klein, sie deuten eher auf Nadeln hin, wie sie die Engelsmacherin Silja verwendet, die prompt in den Verdacht eines aufgewiegelten Mobs gerät. Allein das Eingreifen von Shahid, einem Gelehrten aus dem Zweistromland, kann verhindern, dass Silja gelyncht wird.

„Ja, versammelt euch nur! Es ist viel leichter, der alten Silja die Morde anhängen zu wollen, als den Mörder in den eigenen Reihen zu suchen, nicht wahr? Sicher. Die Kräuterkundige ist freundlich zu jedermann. Doch sie ist fremd, sie gehört nicht nach Rungholt. Sie muss die Frauen getötet haben! Ihr Schwachköpfe!“

Es vergehen nur wenige Tage bis ein weiterer Mord geschieht. Arnft, ein Torfsieder der weitgehend verhasst war, weil er sämtlichen Frauen nachstellte – nicht selten mit Erfolg – wird tot in einem Siedetrog gefunden. Ein grässlicher Anblick angesichts seines gesichtslosen Schädels. Nur mühsam greift die Erkenntnis um sich, dass ein Mörder mitten unter den Bewohnern sein muss. Shahid will den Täter überführen, doch die Zeit drängt, schließlich ist er als Fremder selbst nicht unverdächtig&

Ein Zeitreisender, der Raum und Zeit mühelos überwindet, irritiert

Wer sich für das Leben im Mittelalter interessiert, findet in Fluch über Rungholt einen durchaus lesenswerten Roman, denn dieser zeigt detailliert auf, wie die Menschen damals lebten, dachten und handelten. Gottgefällig lebten sie nicht gerade, dennoch verbreitet sich großes Unwohlsein als eines Tages der Pfarrer verschwindet. Schließlich hatte er ja den nächsten Draht zum Herrn und wer weiß, ob man diesen nicht eines Tages wird gebrauchen können? Nicht alle sind davon überzeugt, dass der Deich größeren Wassermassen für immer standhalten wird.

„Die Hexe mag es schlicht für notwendig gehalten haben, dass der Tod diese beiden geschenkt bekommt. Zur Rettung der eigenen Seele! Eine Art Tauschhandel. Gut möglich. Sehr gut möglich sogar!“

Die Menschen sind einfältig, ihr Arbeitsalltag hart und monoton und so sind sie dem Glücksspiel teils ebenso verfallen wie dem Alkohol. Zu Frauen haben die Männer ein ambivalentes Verhältnis, wobei keineswegs immer klar ist, ob der Ehemann auch der Vater des „eigenen“ Kindes ist. Man vertraut Salben und Tinkturen, wendet sich notfalls an die Heilerin Silja um Schadensbegrenzung zu betreiben und lässt sich doch vorschnell aufwiegeln, um der vermeintlichen Mörderin habhaft zu werden. So weit, so gut und interessant, was übrigens auch für die ausführlichen und informativen Anmerkungen am Ende des Buches gilt, die sich mit der Geschichte und dem Untergang Rungholts beschäftigen.

Allein man fragt sich, was die Autorin dazu gebracht hat, die Figur des Shahid einzubauen? Shahid ist ein Gelehrter aus dem Fernen Osten, der sich einst nach dem Tod von Frau und Kind selber töten wollte, jedoch in eine Zeitlücke fiel und seitdem als Zeitreisender unterwegs ist, um dort, wo er gebraucht wird, knifflige Todesfälle zu lösen. Wäre hier der Büttel der Stadt aktiv, wäre es ein durchweg stimmiger Historischer Roman; durch die Zeitreisekomponente kommt jedoch etwas Übernatürliches ins Spiel. Ohne Not und vor allem ohne erkennbaren Grund, denn abgesehen davon, dass Shahid „seine“ Geschichte zwischendurch erzählt, ist er ein Mensch wie alle anderen Figuren auch. Allerdings ist Shahid, da er aus einer anderen Zeit stammt, den übrigen Rungholtern natürlich intellektuell weit überlegen und kommt mitunter altklug daher. Schade, für einen „Historischen Roman“ gänzlich unnötig.

Ihre Meinung zu »Franziska Steinhauer: Fluch über Rungholt«

Sagota zu »Franziska Steinhauer: Fluch über Rungholt«28.02.2017
"Fluch über Rungholt" von Franziska Steinhauer erschien als tb im Gmeiner-Verlag (2017) und ist der erste, aber sicher nicht der letzte Roman, den ich von dieser Autorin gelesen habe. (Es ist bereits der 16. Roman, der von ihr im Gmeiner-Verlag publiziert wurde). Er erschien in der Reihe 'Gmeiner Spannung' und trägt den Untertitel 'Historischer Nordsee-Roman'; das düster wirkende Cover passt mit seiner Düsterkeit und den schäumenden Nordseewellen sowie mit den historisch anmutenden Männern und Schiffen hervorragend zum Romaninhalt; auf den Innenseiten der Buchdeckel findet sich eine Karte von Rungholt und Strand, die ich südlich von Amrum vermute.

Rungholt, 1362:

Auf Rungholt, einer Nordsee-Insel, werden Tilda und Enken, zwei junge Frauen, im Moor gefunden: Beide tragen eine kleine Wunde am Körper und alles deutet auf Mord. Hauke, ein Weber und sein Freund Shahid, ein orientalischer Gelehrter und - wie im Verlauf der Geschichte zu lesen sein wird - ein Zeitreisender, ermitteln...
Es handelt sich um einen kulturhistorisch sehr interessanten Roman, da Landschaft und Menschen, die im 14. Jahrhundert auf Rungholt lebten, sehr detailliert beschrieben werden. Die Menschen suchen nach einem Sündenbock, den sie nur allzu gerne in Silja, der Engelmacherin und kundigen Kräuterfrau, sehen. Einige wenige Inselbewohner, die reich sind, besitzen Steinhäuser, die Ärmeren, meist Bauern oder Arbeiter in den Siedereien, leben in Holzhäusern. Kranke wie z.B. Aussätzige werden verbannt und aus der Gesellschaft ausgestoßen, wo man sie ihrem Schicksal überlässt. Ein Kranker, der ausgestoßen wurde, kann jedoch Shahid wertvolle Hinweise geben, als dieser den Ort aufsucht, an dem Enken gefunden wurde, das Moor...

Es gibt einen Kreis älterer Männer, die Selbstjustiz auf der Insel üben und einen geheimen Frauenzirkel, die Arme und Kranke unterstützen: Der Pfarrer, Asmus, hat einen schweren Stand und wird kaum ernst genommen, nur vor dem 'blanken Hans' haben alle Respekt - ansonsten sind Prügeleien, Saufgelage, Spielsucht und Gewalt an der Tagesordnung. Selbst vor dem Herrenhaus der von Eichwalds macht diese Gewaltanwendung nicht halt: Elisabeth von Eichenwald verprügelt mit Hingabe die eigene Tochter und Liese, ihre Zofe.
Ein dritter Toter wird im Sud der Salzsieder gefunden: Arnft, der grobe, bei allen unbeliebte Sieder, der ein Schürzenjäger war und sich immer nahm, was er wollte. Hauke und Shahid fragen sich, ob und was dieser Tod mit den Morden an den beiden Frauen zu tun haben könnte, während Liese zum Spielball der Herrin wird, die für einen Tiegel Creme ihre Zofe als Draufgabe der Zahlung an den zwielichtigen Alchimisten Comte de Champagne vereinbart; Shahid erweist sich hier als Retter in der Not und bringt Liese zurück ins Herrenhaus. Hier muss er erfahren, dass ein hübsches junges Mädchen weniger Wert hat als ein Pferd - was ihm zurecht den Atem stocken lässt....

Diese und weitere Szenen machen den großen Reiz dieses historischen Romans aus, da die Autorin sehr gekonnt gut recherchierte Details aus dem sozialen und kulturellen Zusammenleben der Bewohner Rungholts, die Not der einfachen Leute, der Rechtlosigkeit von Frauen etc. sehr gut darstellt, dass man sich als Leser das Leben auf Strand und Rungholt gut vorstellen kann. Mit dem dritten Mord steigt auch die Spannung weiter an.

Es gibt ulkige und tragische Szenen, z.B. der wahrsagenden Brüder Johannes und Berthold oder die Therapiefreudigkeit des gelernten Medicus Shahid, die er zweifelsohne an dem Alchimisten mit Erfolg testet. Man schmunzelt mit Bernadette, die von der Therapie erfährt und sie mit schallendem Gelächter gut heißt; der Humor kommt also nicht zu kurz; doch drei Morde und eine Entführung sind aufzuklären und Berthold hat eine "Vision" des blanken Hans....

Gegen Ende des Romans überschlagen sich die Ereignisse; der Plot ist stimmig und nicht vorhersehbar. Zu wünschen bleibt, dass es Shahid gelungen ist, erneut in ein Abenteuer zu stürzen, in dem seine ermittlungstechnischen Fähigkeiten gebraucht werden :)
Ein sehr gut zu lesender, schöner Sprachstil, der der Zeit angepasst wurde und fundierte Informationen über Rungholt - Legende und Wahrheit - sowie Literaturhinweise runden diesen sehr lesenswerten und unterhaltsamen, hervorragend recherchierten Roman ab.

Fazit:

Ein fundierter historischer Roman mit Krimielementen mit zwei gewitzten Ermittlern: Hauke und Shahid. Spannend und kulturhistorisch sehr interessant in gelungenem Sprachstil. Franziska Steinhauer gelingt es, die Protagonisten und das Leben auf Rungholt im 14. Jhd. sehr lebendig darzustellen und zieht den Leser in den (mittelalterlichen) Bann der Geschichte. Letztendlich versorgt sie den Leser am Romanende mit fundierten Informationen und Literaturangaben. Ich empfehle diesen historischen Nordsee-Roman sehr gerne weiter und vergebe 4,5 * sowie 93° auf der "Histo-Couch".
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