Der tote Reformator von Frank Schlößer

Buchvorstellungund Rezension

Der tote Reformator von Frank Schlößer

Originalausgabe erschienen 2017unter dem Titel „Der tote Reformator“,, 300 Seiten.ISBN nicht vorhanden.

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Kurzgefasst:

Pfingstsonntag 1532: Rostocks streitbarer Reformator Joachim Slüter ist tot, vergiftet. Bürgermeister Bernd Murmann beauftragt den Vikar Dionysius Schmidt, den Mörder zu finden. Schmidt trifft die Menschen, die Slüter liebten oder hassten: den Papisten Detlef Dankquart und den Martinisten Johann Oldendorp, Slüters Witwe Katharina und die junge Zisterzienserin Anna Sassen, den Prediger Antonius Becker und den Drucker Ludwig Dietz …Alle erzählen ihre eigene Wahrheit in dieser Stadt, die zerrissen ist zwischen dem alten und dem neuen Glauben, zwischen Angst und Hoffnung, zwischen alt und jung. Doch Bernd Murmann spielt ein eigenes Spiel. Dionysius Schmidt läuft auf einmal die Zeit davon ...

Das meint Histo-Couch.de: „Glaubenskämpfe und Niedertracht in Rostock“80

Rezension von Jörg Kijanski

Anno 1531 bekennt sich die Stadt Rostock zur Lutherischen Kirche, eine neue Kirchenordnung wird eingeführt. Die Ratsherren und Kaufleute sind nicht gänzlich überzeugt, schließlich zählt nur, was den meisten Gewinn verspricht. Papisten wie Detlev Dankquardt hetzen stattdessen wie wild gegen den Mann, der die Altgläubigen abzulösen versucht: Magister Joachim Slüter. Dadurch, dass die Messen nicht mehr in Latein, sondern vollständig in deutscher Sprache gehalten werden, entwickeln sich diese von unverständlichen Pflichtveranstaltungen zu wahren Gottesdiensten. Der Pfingstsonntag des Jahres 1532 stellt die Stadt jedoch vor eine schwere Bewährungsprobe, denn Slüter findet den Tod, nachdem er einige Tage zuvor vergiftet wurde.

„Alle haben das Spiel des Rates durchschaut: Lasst Slüter predigen und reformieren, aber nur beim Pöbel, auf seiner Seite der Grube. Nur Slüter hat das nicht gesehen. Oder nicht sehen wollen. Der Rat hat die Stadt geteilt und während sich die Bürger in Glaubensfragen zerstritten, konnten die Herren im hohen Hause beschließen, was sie wollten.“

Allen ist klar, dass der Priester Joachim Nyebur, ein Gefolgsmann von Dankquardt, der ebenfalls schon lange gegen Slüter hetzte, der Mörder sein muss. Dass Nyebur untergetaucht ist, so scheint es, ist der Beweis schlechthin. Bürgermeister Murmann befürchtet Unruhen in der Stadt und bittet den Vikar Dinoysius Schmidt, Nyeburs Schuld nachzuweisen oder den wahren Mörder zu überführen, so es denn ein anderer gewesen sein sollte. Schmidt muss sich beeilen, befragt Freunde und Feinde Slüters und bemerkt zu spät, dass der Bürgermeister ein falsches Spiel spielt …

Über die Anfänge der Reformationszeit mit gutem Einblick in das 16. Jahrhundert

1593 schrieb der Theologe und Prediger Nicolaus Gryses die Historia von Lehre, Leben und Tod Joachim Slüters, auf die der Autor Frank Schößler maßgeblich zurückgreift. Wie genreüblich wird die Geschichte ein wenig umgeschrieben, wobei zahlreiche Personen historisch belegt sind und im angehängten Personenregister vorgestellt werden. Ich-Erzähler und Protagonist ist der inzwischen erblindete Bettler Dinoysius Schmidt, einst Vikar im Dienst des ermordeten Slüter. Dieser erzählt die „wahre Geschichte“, in der er auch auf das Werk Gryses mit schmunzelndem Unterton Bezug nimmt. Dieser konnte ja nicht alles wissen, doch er, Dinoysius Schmidt, sei schließlich dabei gewesen. 

„In meinen jüngeren Jahren war ich ein besserer Lutheraner. Jetzt im Alter sehne ich mich danach, wieder an diese einfache Vergebung glauben zu können: Sünde, Beichte, Strafe, Vergebung – das ist leicht.“

Schmidt befragt zahlreiche Bürger der Stadt, Papisten ebenso wie Martinisten, wobei sich schnell zeigt, wie ein Religionskrieg die Stadt zu spalten droht. Als historischer „Krimi“ ist Der tote Reformator bestenfalls Durchschnittsware, denn vor allem die Art der Auflösung, sprich wie Schmidt den wahren Mörder „entdeckt“, ist schwach. Dennoch passt das im Hinstorff Verlag erschienene Buch in dieses Jahr, denn es beinhaltet einen spannenden Einblick in die Anfänge der Reformationszeit. Die altgläubigen Papisten liefern den neugläubigen Lutheranern zahlreiche Disputationen. Doch während sich Franziskaner und Dominikaner über die unbefleckte Empfängnis der Jungfrau Maria streiten, punkten die Martinisten mit dringlicheren Themen. Wie komme ich in den Himmel und rette mein Seelenheil, wenn mir das Geld für einen Ablassbrief fehlt?  Überhaupt wird gegen den Ablass gewettert, dient er doch scheinbar nur dazu, dem Antichristen in Rom das Säckel zu füllen.

„Wer aus Reval fliehen muss oder aus Wismar oder aus Lübeck oder aus Danzig, weil er dort gerechterweise als Täufer oder zwinglianischer Ketzer verbrannt werden würde, der bekommt in Rostock Asyl! Durch die Tore kommen jetzt alle herein, niemand fragt mehr nach dem Woher und Wohin. Ein jeder, der entfliehen will, baut sich einfach an der Stadtmauer eine Bude – aber die Stadt ist voll, wo sollen denn alle diese fremden Leute hin? Haben wir unser Brot gebacken, um damit diejenigen zu füttern, die meinen, sich der römischen Kirche verweigern zu können?“

Aber nicht nur diejenigen, die sich für Religion und – aus gegebenem Anlass – für Luther und die Reformation interessieren, sollten hier zugreifen. Der Roman bietet auch anschauliche Einblicke in das Leben der Menschen im 16. Jahrhundert sowie einen intriganten Bürgermeister der Extraklasse. Die farbenprächtige Geschichte erzählt Schmidt in plauderndem Ton, nicht selten mit Seitenhieben auf den „besseren Teil der Bürgerschaft“. Nach rund zweihundert Seiten ist der Fall gelöst. Danach erfährt man, wie die weltliche Ordnung in Rostock in Gefahr geriet und wie Bürgermeister Murmann sein „verdientes“ Ende fand.

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