Blutsbrüder von Ernst Haffner

Buchvorstellungund Rezension

Blutsbrüder von Ernst Haffner

Originalausgabe erschienen 1932unter dem Titel „Jugend auf der Landstraße Berlin“,, 264 Seiten.ISBN 3849300684.

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Kurzgefasst:

Anfang der 1930er Jahre lebten in Berlin und anderen deutschen Großstätten infolge der prekären wirtschaftlichen Verhältnisse tausende Jugendliche auf der Strasse. Sie verdingten sich als Tagelöhner und Laufburschen, aber häufig führte ihr Weg sie auch in die Kriminalität oder Prostitution. Zuflucht und ein wenig Sicherheit und soziale Wärme fanden sie in selbstorganisierten Cliquen. Sie boten aber nicht nur Schutz, sondern waren auch Ausdruck einer proletarischen Jugend-Subkultur. In stillgelegten Fabrikbaracken traf man sich, trank, tanzte und pflegte einen Lebensstil, der durch den Hass auf die bürgerliche Gesellschaft und die Welt der Erwachsenen geprägt war. Im Mittelpunkt des Romans stehen zwei aus Erziehungseinrichtungen geflüchtete Jugendliche und die Clique der Blutsbrüder, der sie sich nach ihrer Ankunft in Berlin anschließen. Erst glücklich, dort aufgenommen worden zu sein, realisieren sie bald, dass sich die Blutsbrüder unter der Leitung ihres Anführers immer mehr zu einer professionellen Bande entwickeln, die mit Einbrüchen, Laden- und Trickdiebstählen ihre Existenz sichern. Beide probieren sich mit aller Kraft gegen ihr Schicksal zu stemmen und sich eine bescheidene, aber unabhängige Existenz aufzubauen.

Das meint Histo-Couch.de: „Überleben auf der Straße oder Fürsorgeanstalt für Jugendliche“85Treffer

Rezension von Jörg Kijanski

Unter dem Titel Jugend auf der Landstraße Berlin erschien der vorliegende Roman erstmals 1932. Viel ist über das Buch und vor allem über den Autor nicht bekannt. Ernst Haffner arbeitete zwischen 1925 und 1933 als Journalist, vermutlich auch als Sozialarbeiter. Sein erster und einziger Roman wurde von den Nazis verboten, bei der berüchtigten Bücherverbrennung öffentlich verbrannt. Ende der 1930er Jahre verliert sich die Spur des Autors. Rund achtzig Jahre später erscheint der Roman, wiederentdeckt, im Aufbau Verlag unter dem Titel Blutsbrüder.

Fred, Konrad, Hans, Erwin, Georg, Walter, Heinz und Ludwig sind zwischen sechzehn und neunzehn Jahre alt und leben in Berlin, Anfang der 1930er Jahre, auf der Straße. Sie sind die „Blutsbrüder“, ihr Anführer ist der einundzwanzigjährige Johnny, der einzige, der bereits mündig ist. Die acht anderen Jungen müssten eigentlich in einer Fürsorgeanstalt leben, doch dort drohen Schläge und Schikanen, aber keine Perspektiven. Ronny sorgt mit einigem Geschick dafür, dass billige Schlafplätze gefunden werden, wenngleich diese mitunter täglich wechseln.

„Selbstgewähltes Schicksal? Nicht immer. Nicht immer! Die Jugendjahre in der Fürsorgeerziehung, quasi Lehrlingsjahre für den werdenden Gesetzesübertreter, sind verdammt kein selbstgewähltes Schicksal.“

Willi Kludas, zwanzig Jahre alt, hält es in der Fürsorgeanstalt nicht mehr aus. Er türmt, will nach Berlin, doch seine Flucht in einem Güterwaggon führt ihn nach Köln. Von dort legt er sich unter Lebensgefahr unter einen D-Zug, der ihn nach Berlin bringen soll. Dort trifft er nach einigen Wirrungen den „Blutsbruder“ Ludwig, der vor zwei Jahren aus der gleichen Anstalt floh. So wird auch Willi ein „Blutsbruder“. Willi und Ludwig wundern sich jedoch bald, dass plötzlich sehr viel Geld in der Kasse ist und müssen erschrocken feststellen, dass die „Blutsbrüder“ zunehmend in kriminellen Machenschaften versinken. Damit wollen die beiden keinesfalls etwas gemein haben und proben den Ausstieg …

Du hast keine Chance, also nutze sie.

Auch wenn der Roman vor über acht Jahrzehnten geschrieben wurde, so kommt er sprachlich erfreulich modern rüber. Blutsbrüder ist nicht nur dank der kurzen Kapitel sehr gut lesbar; die Handlung selber packt den Leser und zwingt zum Weiterlesen. Klar und schonungslos, ohne dabei in brutalen Details zu schwelgen, schildert Ernst Haffner am Beispiel der „Blutbrüder“ exemplarisch das Schicksal tausender Jugendlicher der damaligen Zeit. Sie türmten aus der Anstalt, wo es statt Perspektiven meist Repressalien gab und lebten lieber in Cliquen auf der Straße.

„Auch Besuch kommt zu Ludwig in die Zelle. Der Arbeitsinspektor fragt, ob Ludwig arbeiten will. Glasperlen aufreihen, wird gut bezahlt. Für zehntausend Perlen in der Größe eines etwas zu groß geratenen Stecknadelkopfes zahlt der Staat immerhin einen Groschen …wenn der Gefangene nicht bereits nach den ersten fünftausend irrsinnig geworden ist.“

Nicht immer fanden sie für ein paar Pfennige ein Nachtquartier, wärmten sich stattdessen in Wärmestuben oder der Stadtbibliothek, die ihrerseits als inoffizielle Wärmestube galt. Die hygienischen Verhältnisse waren untragbar, doch wer ganz unten angekommen ist, hat wenig Auswahl. So ist es auch bei der Jobsuche. Wer nicht bis zum 21. Lebensjahr in der Anstalt einsitzt (die meisten der betroffenen Jugendlichen hatten ihren Vater im Krieg verloren oder als Invaliden zurück bekommen, die Mutter war nicht selten Alkohol- oder Drogenabhängig), um einer vermeintlichen Verwahrlosung zu entgehen, hat keine Papiere. Ohne Papiere, keine Arbeit, keine Wohnung und so weiter. Was bleibt ist der Weg in die Kriminalität oder oftmals in die Prostitution.

„Ohne gültige Papiere, von der Polizei gesucht und dann nichts anstellen? Das ist ein Kunststück, Ludwig und Willi, das noch keiner fertig gebracht hat. Wäre ja auch noch schöner, ohne Stempel und ohne Unterschrift ein Leben innerhalb der Paragraphen führen zu wollen! Geht zurück in die Anstalt, aus der ihr entflohen seid. Zeigt Reue und anerkennt den Zwang. Laßt euch schuhriegeln und gelegentlich auch ohrfeigen bis zum einundzwanzigsten Lebensjahr. Dann wird man wohlwollend erwägen...“

Die „Blutsbrüder“ bilden keine Ausnahme. Ludwig wird Opfer eines üblen Tricks und muss wieder einfahren. Willi erfährt zum ersten Mal die Liebe (mit einer Frau) und fängt sich prompt Gonorrhoe ein. Doch es sind Ludwig und Willi, die den kriminellen Tätigkeiten der „Blutsbrüder“ trotzen, den Ausstieg wagen und (zunächst) doch wieder Opfer des Systems werden. Allein, den „Blutsbrüdern“ ergeht es nicht besser.     

Es gibt nicht viele Romane, die das Leben obdachloser Jugendlicher auf der Straße im Berlin zu Beginn der 1930er Jahre schildern. Blutsbrüder ist authentisch, empathisch, bedrückend und reduziert seinen Blick allein auf die Protagonisten und deren Lebensalltag. Die politische Gemengelage – beispielsweise im Vorfeld der Machtergreifung Hitlers – spielt hier keine Rolle. Sehr lesenswert!

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