Die Lebenden und die Geister von Diane Meur

Buchvorstellung und Rezension

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Originalausgabe erschienen 2007 unter dem Titel „Les Vivants et les Ombres“, deutsche Ausgabe erstmals 2009 , 524 Seiten. ISBN 3-312-00448-9. Übersetzung ins Deutsche von .

Kurzgefasst:

Mit der Teilung Polens wird Galizien zu einem Teil des Habsburgischen Reiches. Die Familie, die um ihren Besitz kämpft, engagiert sich fieberhaft im polnischen Unabhängigkeitskampf. Das Herrenhaus der Zemkas, das seine Bewohner über die Jahrhunderte hinweg beobachtet, berichtet über den Aufstieg und den Niedergang einer Familie, von den Aufständen von 1848 bis ins 20. Jahrhundert.

Jozef Zemka kennt wenig Skrupel, wenn es um seinen gesellschaftlichen Erfolg geht. Als es ihm gelingt, die Tochter des Barons von Kotz zu schwängern und damit die Heirat zu erzwingen, wähnt er sich am Ziel. Aber auf zwei Dinge ist er nicht vorbereitet: dass seine Frau ihm nur Töchter gebiert und dass bald ganz Polen sich in Aufruhr befindet …

Das meint Histo-Couch.de: „Aus dem Leben eines Gutshauses“

von Almut Oetjen

Der Gutsverwalter des Barons von Kotz, Josef Zemka, ein Nachkomme des verarmten Adelsgeschlechts Ponarski, schwängert Clara, die Tochter seines Arbeitgebers. Der Standesunterschied ist unerträglich, dennoch werden beide 1821 verheiratet, weil die Tochter innerhalb ihrer gesellschaftlichen Schicht keine akzeptable Partie mehr ist. Während Jozef zwei Tätigkeiten nachgeht, der Verwaltung des Guts und der Leitung der väterlichen Zuckerfabrik, bekommt seine Frau nach einer Fehlgeburt nur Töchter. 1829 erbt Jozef das Gut seiner Schwiegereltern in Grynow, Galizien. Da er selbst keinen männlichen Erben hat, will Jozef seine älteste Tochter Maria mit dem Sohn seines Bruders verheiraten. Der jedoch ist politischer Aktivist. Der politische Widerstand der Leibeigenen und das Aufbegehren nationaler Minderheiten bilden den Hintergrund für eine Familienchronik, die sich über rund ein Jahrhundert erstreckt und vom Gutshaus erzählt wird.

Das Haus als Autor

Das Gutshaus macht sich Gedanken darüber, wie es seine Geschichte erzählen könnte. Als Historie seiner Verwalter? Hier würde es, so sein Argument, den Blick auf das Wesentliche lenken, glaubt jedoch, dafür kein Talent zu haben. Stattdessen entscheidet es sich für eine weitgehend chronologische Familiensaga, in der auch eine große Anzahl Nebenfiguren vorkommt und Detailbetrachtungen möglich sind.

Interessant ist hieran, dass dem Haus zu Beginn das typische Vorgehen traditioneller Geschichtsschreibung vorschwebt. Dann hätte es vielleicht von Männern erzählt, die in Geschichtsbücher eingetragen werden und deren Pullover in Museen ausgestellt werden. Aber so gibt es gleichsam eine Geschichte von Oben und von Unten. Was man sich von einem Haus, das gleich zu Beginn von seinem Besitzer spricht, nicht unbedingt erwartet, vielleicht aber wünscht. Und so erzählt uns das Haus von einer Vielzahl verschiedener Menschen recht unterschiedliche Geschichten. Die Perspektive des Hauses ist die der Innensicht und der Informationen aus zweiter Hand, seine Außensicht ist sehr beschränkt durch die es umgebende Landschaft und durch seine Eigenschaft als Immobilie.

Chronist politischer und privater Aufregungen

Das Haus erlebt eine aufregende Zeit wechselnder politischer Macht- und Besitzverhältnisse in Galizien, einer Region im Süden Polens und im Westen der Ukraine. Wie in jeder ordentlichen Familiengeschichte geht es auch in der, die das Haus erzählt, lebhaft und laut zu. Hochzeiten, Todesfälle, Liebeständeleien, überraschende Schwangerschaften, Eifersuchtsdramen, Hassgefühle – ein breites Spektrum menschlicher Emotionen und Interaktionsmuster wird abgearbeitet. Über seine Bewohner ist das Haus gut informiert, muss aber bisweilen spekulieren, so, wenn sie von einer Unternehmung zurückkehren, bei der sich ein Stimmungswandel vollzogen hat, über dessen Ursache es nichts wissen kann.

Das Haus ist auch stiller Beobachter familiärer und sozialer Verwerfungen. Irgendwann muss es an sich selbst Verwitterungserscheinungen feststellen, physische und solche des Geistes: es wird schlicht vergesslich.

Ein Frauenroman?

Die erzählten Geschichten, die sich zu einer Saga fügen, sind inhaltlich wie in der sprachlichen Aufbereitung typische Frauenliteratur, deren Existenz in Verlagskatalogen und auf Buchrücken angenommen wird. Hier finden wir häufig den Hinweis: „Für Leserinnen von...“. Und so erinnert ein Titel wie Die Lebenden und die Geister, ein Familienstammbaum, der von 1701 bis 1915 reicht, das Versprechen einer Familiensaga über rund hundert Jahre – an berühmte Vorläufer. Zuerst fällt natürlich Isabel Allende ein, besonders Das Geisterhaus. Dann denkt man vielleicht an Kate Morton, Das geheime Spiel und den Sitz Riverton Manor. Nachdem man Meurs Buch gelesen hat, denkt man immer noch an derartige Vergleichsliteratur, jedoch nicht, allenfalls unter Biegen und Brechen, an Thomas Manns Buddenbrooks oder Uwe Tellkamps Der Turm.

Die Lebenden und die Geister ist ein historischer Schmöker, an dem Leserinnen der Bücher von Allende und Morton Gefallen finden dürften. Die Bezeichnung „Leserinnen“ schließt natürlich die männlichen Liebhaber derartiger Bücher mit ein. Das Haus als Erzähler ist lediglich ein kleiner Kunstgriff, phantastische Literatur wird das Buch dadurch (und durch den Schluss) mitnichten. Grundsätzlich könnte das Haus auch ein an das Bett gebundener Mensch sein. Da steht dann aber doch vor, dass die erzählte Geschichte einen zu langen Zeitraum umfasst. Das Haus ist folglich ein Erzähler, dessen Uhr statt Stunden Jahre anzeigt: „Es konnte nicht viel später sein als 1877.“

 

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