Charlotte von David Foenkinos

Buchvorstellungund Rezension

Originalausgabe erschienen 2014unter dem Titel „Charlotte“,deutsche Ausgabe erstmals 2015, 240 Seiten.ISBN nicht vorhanden.Übersetzung ins Deutsche von Christian Kolb.

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Kurzgefasst:

Das ist mein ganzes Leben mit diesen Worten übergibt Charlotte 1942 einem Vertrauten einen Koffer voller Bilder. Sie sind im französischen Exil entstanden und erzählen, wie sie als kleines Mädchen, damals im Berlin der 1920er, nach dem Tod der Mutter das Alleinsein lernt, während sich ihr Vater, ein angesehener Arzt, in die Arbeit stürzt. Dann die Jahre, in denen das kulturelle Leben wieder Einzug hält bei den Salomons. Die Stiefmutter ist eine berühmte Sängerin; man ist bekannt mit Albert Einstein, Erich Mendelsohn, Albert Schweitzer. Charlotte beginnt zu malen, und es entstehen Bilder, in denen dieses einzelgängerische, verträumte Mädchen sein Innerstes nach außen kehrt, Bilder, die von großer Begabung zeugen. Doch dann ergreift 1933 der Hass die Macht, es folgen Flucht, Exil, aber auch Leidenschaft und Heirat. Nur ihre Bilder überleben ...

Das meint Histo-Couch.de: „Ihr ganzes Leben in Bildern“88Treffer

Rezension von Rita Dell'Agnese

1942 übergibt die Malerin Charlotte Salomon einem Vertrauten einen Koffer mit Bildern. „Das ist mein ganzes Leben“, sagt die junge Frau (sie ist zu dem Zeitpunkt gerade mal 26 Jahre alt und schwanger). Kurze Zeit später stirbt die Malerin aus Berlin durch die Hand der Nazis. Sie hinterlässt ein breites Schaffen mit expressionistischen Bildern, die tatsächlich eine bewegende Geschichte erzählen. Es ist die Geschichte einer jungen Frau, die viel Leid gesehen hat und dieses in ihre Bilder verpackt. Schon früh muss sie mit den Suiziden in ihrer Familie klar kommen, was eine tiefe Trauer in das Leben des Kindes bringt. Als auch ihre Mutter sich das Leben nimmt, beginnt für die neunjährige ein neues Leben. Ihr Vater heiratet wieder. Seine Frau Paula, eine bekannte Sängerin, verkehrt intensiv in Künstlerkreisen und lässt ihre begabte Stieftochter daran teilhaben. Charlotte blüht auf, kann gar an die Kunstakademie gehen. Doch da kommen die Nazis an die Macht, Charlottes Vater darf als Arzt nicht mehr praktizieren, die Stiefmutter darf nicht mehr auftreten und Charlotte selber muss die Schule verlassen. Um ihre Tochter zu schützen, schicken die Eltern Charlotte nach Südfrankreich zu ihren Großeltern. Sie nehmen in Kauf, dass das Mädchen erneut mit dem Thema Suizid konfrontiert wird – denn Charlottes Großmutter ist schwer depressiv und unternimmt alles, um den Tod zu finden. Charlotte bewältigt ihren Kummer durch Malen. Bis Nazi-Deutschland sie einholt.

Ein sehr persönliches Portrait

David Foenkinos hat nicht einfach eine Künstlerkarriere nachgezeichnet. Der französische Autor hat ein sehr persönliches Portrait von Charlotte Salomon gefertigt. Denn ihre Bilder, die inzwischen in einem Museum gezeigt werden, haben den Autor auf eine Weise berührt, die ihn der Malerin sehr nahe gebracht hat. So erstaunt es nicht, dass Foenkinos seine eigenen Befindlichkeiten ebenso in das Buch einfließen lässt, wie die eigentliche Lebensgeschichte einer jüdischen Malerin, die in der Blüte ihres Lebens von den Nazis vernichtet wird. Durch die ganz spezielle Art, in der sich Foenkinos der Lebensgeschichte der Malerin nähert, vermeidet er auch den Eindruck, dem langen Reigen von Portraits über Menschen, die im KZ gestorben sind, einfach ein weiteres hinzuzufügen. Er holt Charlotte Salomon von der Ebene „Jüdin im KZ“ weg und bringt sie auf die Ebene der lebenshungrigen Künstlerin, die ihren Genen zum Trotz an die Zukunft glaubt. Die Suizid-Rate in der Familie ihrer Mutter hat zwar das Leben von Charlotte geprägt, ihren Drang, sich dem Leben zu stellen aber nicht gebrochen.

Nicht einfach zu lesen

Es braucht von den Lesern die Bereitschaft, sich auf die ungewöhnliche Erzählweise einzulassen. Wer zu Beginn über den Aufbau des Buches stolpert, wird auch im Verlaufe der Geschichte nicht ganz warm mit dem Schreibstil und der Art, wie der Plot aufgebaut ist. Wer es aber schafft, sich ganz auf Charlotte einzulassen, wird in eine intensive Welt eingeführt, die den Blick auf eine innere Getriebenheit gestattet, die sich in einer Fülle von Bildern Ausdruck verleiht. Das Portrait holt die wenig bekannte Künstlerin Charlotte Salomon ans Licht, gibt ihr ein neues Gesicht und hebt sie auf die Ebene, die sie mit Sicherheit überstiegen hätte, wären ihr nicht die Nazi-Schergen zuvor gekommen, um sie und ihr ungeborenes Kind zu vernichten. Obwohl der Leser von Anfang an weiß, wann und wie Charlotte Salomon umgekommen ist, wird er sich nicht dagegen wehren können, das ganze Buch über zu hoffen, dass es doch einen anderen Ausgang haben könnte, dass Charlotte leben durfte, ihrem Kind das Leben schenken durfte – und der Welt ein künstlerisches Machwerk hinterlassen könnte.

Charlotte ist ein Buch, das berührt und nachdenklich macht. Es ist ein Mahnmal und eine Form von Liebeserklärung zugleich.

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