Stadt der Diebe von David Benioff

Buchvorstellungund Rezension

Stadt der Diebe von David Benioff

Originalausgabe erschienen 2008unter dem Titel „City of Thieves“,deutsche Ausgabe erstmals 2009, 381 Seiten.ISBN nicht vorhanden.Übersetzung ins Deutsche von Ursula-Maria Mössner.

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Kurzgefasst:

Leningrad im Januar 1942: Weil er während der nächtlichen Ausgangssperre die Leiche eines deutschen Soldaten nach Essbarem durchsucht hat, wird der 17-jährige Lew sofort verhaftet – auf Plündern steht die Todesstrafe. Nach endlosen Stunden in einer kargen Gefängniszelle wird er allerdings nicht aufs Schafott, sondern zusammen mit seinem Mithäftling Kolja vor den Geheimdienstchef der Stadt geführt. Der stellt die beiden vor eine schier unlösbare Aufgabe – im Tausch gegen ihr Leben sollen sie innerhalb von sechs Tagen im ausgehungerten Leningrad zwölf Eier für die Hochzeitstorte seiner Tochter auftreiben. Ein Wettlauf gegen die Zeit beginnt, der den schüchternen, introvertierten Lew schicksalhaft an Kolja schweißt – einen schlitzohrigen, charmanten Frauenhelden und notorischen Lügner, der ihm ständig schmerzhaft bewusst macht, dass er selbst so gar nicht zum Abenteurer taugt. Als die beiden die Hoffnung, in Leningrad Eier zu finden, aufgeben müssen, fasst Kolja einen aberwitzigen Plan: Er will sich mit Lew zu einer Geflügelfarm jenseits der feindlichen Linien durchschlagen, in ein Dorf südlich von Leningrad. Ein selbstmörderisches Unterfangen, wären da nicht Koljas Kaltschnäuzigkeit, eine unerschrockene Partisanin namens Vika und Lews Schachtalent ...

Das meint Histo-Couch.de: „Großartiges Werk“85Treffer

Rezension von Jörg Kijanski

2008 erschien City of Thieves und wurde zum internationalen Bestseller, geschrieben von Drehbuchautor David Benioff, der hier (auch) ein Stück eigene  Familiengeschichte schreibt. So lernten sich meine Großeltern kennen, könnte der Untertitel dieses vielschichtigen Abenteuerromans lauten. Doch es geht nicht nur um eine noch in der Entstehungsphase befindliche Liebesgeschichte, sondern vor allem  um die Macht der Freundschaft und den Irrsinn des Krieges.

„Eine halbe Zwiebel und ein 125-Gramm-Laib Brot für vier – das war eine anständige Mahlzeit.“

Anfang Januar 1942. Leningrad, von vielen liebevoll Piter genannt, in Anlehnung an das zaristische St. Petersburg, wird von den deutschen Truppen belagert. Einen verlustreichen Einmarsch wagt man nicht, stattdessen soll die Stadt ausgehungert werden. Lebensmittel sind kaum noch verfügbar, Tiere ebenso wenig, da es am Futter mangelt. Nicht alles, was in der Not gegessen wird, besteht daher aus den üblichen Nahrungsmitteln. Als ein deutscher Soldat tot vom Himmel fällt, sieht der siebzehnjährige Lew (der Großvater des Autors) seine Chance gekommen. Er muss etwas Essbares bei sich haben, doch er wird auf frischer Tat ertappt. Im Gefängnis, dem berüchtigten Kresty, trifft der Plünderer auf den vermeintlichen Deserteur Kolja, der drei Jahre älter ist. Beide rechnen mit ihrer Hinrichtung, doch der Oberst des NKWD hat andere Pläne. Seine Tochter heiratet in wenigen Tagen und eine Hochzeit ohne Hochzeitstorte geht nun mal nicht und für eine Torte braucht man Eier. So winkt die Freiheit, sofern es den beiden Jungen gelingt, binnen sechs Tagen ein Dutzend Eier zu besorgen.

„Ihr bringt mir die Eier bis Donnerstag Sonnenaufgang [...]. Wenn nicht, könnt ihr den ganzen Januar Schnee fressen, und dann gibt’s auch im Frühjahr keine Lebensmittelkarten. Immer vorausgesetzt, dass keiner meiner Männer euch vorher aufgreift und abknallt, und meine Männer verstehen ihr Handwerk.“

„Sie können bloß keine Eier auftreiben.“

Eier gab es zuletzt im September, schon seit Monaten sind nahezu alle Geschäfte geschlossen, der Eisenbahnverkehr wurde vor vier Monaten eingestellt, zahlreiche Gleisschwellen als Feuerholz verbrannt. Es beginnt eine spannende und erlebnisreiche Abenteuergeschichte, die – hier grüßt der Drehbuchautor – ein wenig an Indiana Jones und Co. erinnert. Denn egal, ob Lew und Kolja auf Kannibalen, deutsche Einsatzkommandos oder russische Partisanen treffen, am Ende kommen sie immer in letzter Sekunde aus der Geschichte raus. Nur beim dramatischen Finale wird es eng.

„Sieht so unser Plan aus? Wir marschieren fünfzig Kilometer, geradewegs an den Deutschen vorbei, zu einer Geflügelkolchose, die möglicherweise nicht niedergebrannt wurde, schnappen uns ein Dutzend Eier und spazieren wieder nach Hause?“

„Also wenn du es in dem Ton sagst, muss es ja verrückt klingen.“

Die Lobeshymnen auf Stadt der Diebe sind mehr als berechtigt, denn neben dem spannenden Abenteuer kann man den Roman (zumindest teilweise) auch als zeithistorischen Roman über die Belagerung Leningrads lesen, wobei der Autor diesbezüglich selbst auf die bedeutenderen Werke von Harrison Salisbury (900 Tage) und Curzio Malaparte (Kaputt) verweist. Vor allem aber bietet Stadt der Diebe eine mitreißende Geschichte über die großen, zeitlosen Themen wie Freundschaft, Liebe und Pubertät. Ungleicher könnten die beiden jungen Männer kaum sein. Lew, Sohn eines Dichters, mitten in der Pubertät steckend und der sexuell erfahrene, halbstarke und vorlaute Kolja, der gerne ein großer Schriftsteller wäre. So kreisen die Gespräche der Beiden um Frauen und Sex, aber immer wieder auch um Literatur und – wie sollte es in Russland anders sein – um Schach, wobei dem Schachspiel noch eine besondere Rolle zukommen soll.

„Der Junge verkaufte sogenannte Bücherei-Lebkuchen, die hergestellt wurden, indem man den Einband von Büchern abriss, den Leinen vom Buchrücken abkratzte, ihn einkochte und daraus längliche Stücke formte, die in Papier eingewickelt wurden. Das Zeug schmeckte wie Wachs, aber der Leim enthielt Protein, Protein hielt dich am Leben, und so verschwanden die Bücher der Stadt genauso wie die Tauben.“

Zahlreiche Passagen sind humor- und anspruchsvoll, dennoch vergisst der Autor nie den bitteren Hintergrund der damaligen Zeit. Die unvorstellbare Hungersnot, die brutale Gewalt der Faschisten wie der Partisanen werden detailliert dargestellt und sorgen für langanhaltendes, nachwirkendes Kopfkino. Über den Irrsinn des Krieges gab es schon viele lesenswerte Bücher, die Stadt der Diebe erweitert den Kanon.

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