Alma von Dagmar Fohl

Buchvorstellungund Rezension

Alma von Dagmar Fohl

Originalausgabe erschienen 2017unter dem Titel „Alma“,, 219 Seiten.ISBN nicht vorhanden.

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Kurzgefasst:

Der Hamburger Musikalienhändler und Cellist Aaron Stern muss 1939 Deutschland ohne seine Tochter verlassen. Eine verhängnisvolle Odyssee beginnt. Er findet in keinem Land sichere Aufnahme und gerät in die Fänge der Nationalsozialisten. Nach leidvollen Erfahrungen als Schiffsflüchtling und Lagermusiker kehrt er schließlich nach Hamburg zurück. Eine berührende und abenteuerliche Suche nach seiner Tochter beginnt.

Das meint Histo-Couch.de: „Wie hätte ich mich noch als Deutscher fühlen können“91Treffer

Rezension von Rita Dell'Agnese

Mit seiner jungen Frau Leah besteigt der Cellist Aaron Stern die „St. Louis“. Das Schiff soll die Deutschen Juden mit vielen Schicksalsgenossen zunächst nach Kuba bringen, wo sie auf die Einreise in die USA warten wollen. Hinter Aaron Stern liegen schlimme Momente. Er war in der Pogrom-Nacht verhaftet und ins KZ gebracht worden, lebte dort unter schwierigen Verhältnisse, bis es Leah gelang, Quotennummern für die Einreise in die USA zu ergattern – eine Voraussetzung dafür, dass Aaron Stern das KZ verlassen kann. Die Belastung ist für Leah aber zu viel. Bei der Schwangeren setzen kurz vor der Abfahrt nach Kuba frühzeitig Wehen ein. Sie ist erst Ende des siebten Monats, als sie einem kleinen Mädchen das Leben schenkt. Alma ist sehr schwach und der befreundete Arzt, der Leah ohne Krankenakte behandelte, beschließt, das Kind als seines auszugeben und in Krankenhaus zu bringen. Obwohl sich Leah versucht zu weigern, drängt Aaron seine junge Frau dazu, mit ihm dennoch nach Kuba zu fahren. Er verspricht ihr, das Kind so bald wie möglich nachzuholen.

Als die „St. Louis“ in Kuba ankommt, wird ihr die Anlandung verweigert. Kuba nimmt keine Juden mehr auf. Auch die USA weigern sich, die verzweifelten Menschen ins Land zu lassen. Dem Kapitän bleibt nichts anders übrig, als seine menschliche Fracht zurück nach Europa zu fahren. Ein paar europäische Ländern haben sich bereit erklärt, die Juden aufzunehmen. Leah und Aaron werden in die Niederlande gebracht, wo sie in einem Lager landen, das zunächst nur als Übergangslösung gedacht war. Aber bald marschieren die Nazis in die Niederlande ein und aus dem Lager wird ein KZ. Leah hat ihren ganzen Lebensmut verloren, Aaron kann nur dank der Musik aufrecht bleiben. Als der ganze Wahnsinn vorbei ist, versucht Aaron, Alma zu finden.

Sensibel wie die klassische Musik

Die Autorin Dagmar Fohl hat mit Alma ein höchst sensibles Werk geschaffen. Sie erzählt die Geschichte einer kleinen jüdischen Familie, die durch die Nazis vernichtet wird, ohne dass alle ihr Leben verlieren. Im Mittelpunkt steht dabei nicht etwa die Namensgeberin des Buches, Alma, sondern deren Vater Aaron. Er schildert die Ereignisse aus seiner Sicht. Erzählt von seinem Misstrauen während der Überfahrt auf der „St. Louis“, die sich nur kurzzeitig in Hoffnung auflöst, um dann mit aller Wucht einer Ernüchterung Platz macht. Ohne seine Musik hätte der Cellist unter Umständen resigniert. So aber hält ihn das immer wieder aufrecht, wenn er zu verzweifeln droht. Seiner Frau Leah gelingt diese Stärke nicht. Eindrücklich stellt Dagmar Fohl dar, wie Leah an der Trennung von Alma zerbricht und durch die Ignoranz der aufnehmenden Länder ihrer letzten Hoffnungen beraubt wird. Anders als für Aaron gibt es für Leah keine Zukunft. Sie ahnt, dass sie Alma nicht wieder sehen wird, selbst wenn sie den Krieg und die Unterdrückung durch die Nazis überstehen sollte. Mit einer einfachen aber eindringlichen Sprache stellt Dagmar Fohl dar, wie sich zwischen den Liebenden eine immer größere Kluft auftut, wie Leah und Aaron sich verlieren und nur noch der heftige Wunsch, die Tochter eines Tages in die Arme schließen zu können, Lebensmut verleiht.

Intensive Bilder

Obwohl das Buch mit etwas über 200 Seiten nicht umfangreich ausfällt, enthält es doch alles, was ein gutes Buch ausmacht. Es ist die Feinfühligkeit der Autorin, die der Geschichte Größe verleiht und sie zu etwas macht, das man mit dem Zuklappen nicht einfach wegstellen kann. Es ist nicht der Umstand, die Verzweiflung der jüdischen Deutschen noch einmal unvermittelt vorgesetzt zu bekommen, der so viel Nachhall besitzt. Wenngleich bereits dies eine intensive Auseinandersetzung mit der Historie des Landes verlangt, insbesondere mit der Verfolgung der jüdischen Bevölkerung. Doch gibt es hier bereits zahlreiche Werke, die genau diese Auseinandersetzung mit der Vergangenheit einfordern.

Es ist auch nicht die Überraschung, dass Kuba und die USA die Aufnahme der Menschen verweigern – ein Umstand, der hierzulande wenig bekannt ist und kaum diskutiert wird. Was Alma aus der Masse heraus stechen lässt, ist diese Verzweiflung, das Kind in einem Land zurückgelassen zu haben, das Menschen jüdischer Herkunft vernichtet. Die Selbstzweifel und Selbstvorwürfe der Eltern, der Wille, zurückzukehren und lieber in Unterdrückung zu leben als ohne das Kind. Das alles macht Dagmar Fohl auf unnachahmliche Weise sichtbar und lässt den Leser schließlich nachdenklich, überrascht und mit einem Funken Hoffnung zurück. Ein gelungenes Buch, das man auf sich wirken lassen muss, damit es seinen intensiven Zauber vollständig entwickeln kann.

Ihre Meinung zu »Dagmar Fohl: Alma«

leseratte1310 zu »Dagmar Fohl: Alma«05.03.2017
Der Hamburger Musikalienhändler und Cellist Aaron Stern muss 1939 Deutschland verlassen. Seine Tochter bleibt zurück. Als er nach dem Krieg schließlich nach Hamburg zurückkehrt, macht er sich auf die Suche nach seiner Tochter Alma.
Aaron berichtet sein Leben und Erleben aus der Ich-Perspektive, was diese Geschichte besonders eindringlich macht.
Obwohl Aarons Eltern Juden sind, gehören sie der evangelischen Kirche an. Musik ist in seinem Elternhaus allgegenwärtig. Als Aaron vierzehn Jahre alt ist kommt Hitler an die Macht. Später übernimmt Aaron das Geschäft seines Vater. Er lernt seine Frau Leah kennen. Die beiden verbindet die Liebe zur Musik. Dann wird er ins KZ gebracht und es dauert Monate bis Leah ihn herausholen kann. Sie wollen auswandern, kurz vorher wird Alma geboren. Sie ist ein Frühchen und würde die Reise nicht überleben. Schweren Herzens lassen sie sie das Baby bei einem „arischen“ Freund. In Kuba verweigert man ihnen die Einreise. Auch in Amerika dürfen sie nicht einreisen. Es geht zurück nach Europa. Vom Lager Westerbruck in den Niederlanden kommen sie schon bald nach Auschwitz. Aaron hält dank eisernem Überlebenswillen und der Musik durch.
Wir alle wissen, was geschehen ist, und man mag sich das Grauen gar nicht vorstellen. Aber gerade darum, darf nicht vergessen werden, was geschehen ist, damit sowas nieder wieder geschieht. Allerdings zweifele ich im Moment gerade sehr, ob uns das Geschehen von damals wirklich eine Lehre ist.
Ich bewundere Aaron für seinen Willen zu überleben. Viele seiner Leidensgenossen gehen lieber in den Tod. Aber er steht immer wieder auf in Gedanken an seine Tochter. Wieviel kann ein Mensch aushalten?
Die Erinnerungen an das Erlebte verlassen ihn auch nach dem Krieg nicht und Albträume sorgen dafür, dass er es immer wieder erlebt. Soll er davon wirklich seiner Tochter berichten? Er hat Zweifel und lässt doch nichts unversucht, um Alma zu finden.
Eine bewegende Geschichte.
Meike zu »Dagmar Fohl: Alma«19.02.2017
Eine Familiengeschichte, die aufrüttelt

Der Hamburger Cellist und Musikalienhändler Aaron Stern muss 1939 mit seiner Frau Leah, aber ohne seine Tochter Alma aus Deutschland fliehen.
Leah kann die Trennung von Alma nicht verkraften, doch die Eltern haben keine Wahl. Sie schiffen sich auf der ‚St. Louis’ via Kuba ein. Als das Schiff Havanna erreicht, darf es nicht anlanden. Allen Passagieren wird die Einreise verweigert. Als auch Amerika seine Grenzen verschließt, muss die ‚St. Louis’ nach Europa zurückkehren. Das bedeutet für die Menschen auf dem Schiff Lager und KZ. Aaron kann die folgenden Jahre seiner Gefangenschaft nur mithilfe der Musik überleben. Nach dem Krieg begibt er sich auf die Suche nach seiner Tochter Alma.
Das Schicksal des Cellisten Aaron Stern berührt tief und lässt einen nicht mehr los. Dagmar Fohls Roman ‚Alma’ offenbart in einer eindringlichen direkten Sprache eine Familiengeschichte, die aufrüttelt und deutlich macht, was es bedeutet, ein Flüchtling zu sein, was es bedeutet, keine Aufnahme zu finden, was es bedeutet, wenn Fremdenfeindlichkeit und Hass die Oberhand gewinnen. Es ist ein Roman, der zur rechten Zeit an unsere Geschichte erinnert und aufgrund seiner Aktualität Bewusstsein schafft für das, was in der heutigen Welt geschieht. „Das Vergangene ist nicht tot; es ist nicht einmal vergangen.“ Dieses Zitat von William Faulkner ist dem Roman nebst einem ergreifenden Vorwort Esther Bejaranos, einer Überlebenden des Mädchenorchesters von Auschwitz, vorangestellt.
Dank an die Autorin.
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