Die Reise des Zeichners von Christian Schärf

Buchvorstellungund Rezension

Originalausgabe erschienen 2016unter dem Titel „Die Reise des Zeichners“,, 336 Seiten.ISBN 3847906143.

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Kurzgefasst:

Ein außergewöhnlicher Mann auf abenteuerlicher Reise: Am 29. November 1777 bricht der junge Johann Wolfgang Goethe in den Harz auf. Er reist unter falschem Namen und gibt sich als Zeichner aus Gotha aus. Als erster Mensch will er im Winter den Brocken besteigen. Wieder eine Aufgabe, mit der er beweisen kann, dass etwas Einzigartiges um ihn ist.

Das meint Histo-Couch.de: „Goethes Harzreise im Winter“80

Rezension von Yvonne Schulze

Im Dezember 1777 bricht Johann Wolfgang von Goethe zu einer Reise in den Harz auf, um mitten im Winter den Brocken zu besteigen. Der zu dieser Zeit durch seinen Briefroman Die Leiden des jungen Werther bereits berühmte Dichter reist hier inkognito als Kunstmaler Weber. Doch Goethe ist nicht nur als Tourist unterwegs, denn er interessiert sich unter anderem auch für Geologie und besichtigt Bergwerke. Diese Harzreise des jungen Goethe ist das Thema von Christian Schärfs zweitem Roman Die Reise des Zeichners.   

Um Schärfs Roman in allen seinen Facetten genießen zu können, braucht es einiges an Hintergrundwissen, das der Autor beim Leser voraussetzt. So werden Goethe-Kenner und historisch bewanderte Leser leicht differenzieren können, was Tatsachen entspricht und was eher der Fantasie des Autors entspringt. Die Reise des Zeichners ist kein historischer Roman im herkömmlichen Sinn, sondern Lesestoff für Liebhaber gehobener Unterhaltungsliteratur. Neben Goethe spielen auch andere Geistesgrößen wie Christoph Martin Wieland und Friedrich Gottfried Klopstock eine nicht unwesentliche Rolle. Gerade Klopstock, der heute ziemlich in Vergessenheit geraten ist, bekommt in diesem Roman die Bedeutung, die er für seine Zeitgenossen einst hatte und auch Goethes gespanntes Verhältnis zu ihm kommt hier zum Ausdruck.

Jenseits des Mainstream

Ruhig, man möchte fast sagen behäbig erzählt der Autor seine Geschichte, wobei er dabei nicht zeitlich chronologisch vorgeht. Kurze, stakkatoartige Sätze wechseln mit fließenden Texten und es gibt immer wieder Passagen, die zum Innehalten und Nachdenken einladen. Sprachlich durchaus anspruchsvoll erzählt, ist der Roman für erfahrene Leser dennoch entspannt zu lesen. Immer wieder schweift der Autor vom eigentlichen Thema ab, wird Goethes Harzreise zur Nebensache. Wenn man es richtig betrachtet, dient diese Reise nur als roter Faden, der die vielen Episoden und Rückblenden, die der Autor hier zum Besten gibt, zusammenhält. Nebulös sind auch Goethes Intentionen, mitten im Winter den Brocken besteigen zu wollen. So bleiben am Ende einige Fragen offen und der Autor überlässt es der Interpretation des Lesers, ob Goethe den Brocken tatsächlich bestiegen hat und wenn ja, aus welcher Motivation heraus. Fand diese Reise vielleicht nur in der Fantasie des Dichters statt und wurde dann von ihm lediglich als „Harzreise im Winter“ zu Papier gebracht? Wir wissen es nicht, denn letztendlich war niemand dabei und auch die Historiker können heute darüber nach wie vor nur mutmaßen.

Feine unterschwellige Ironie

Viel Raum in der Erzählung bekommt Goethes „Geistesbruder“ Jakob Lenz, der Goethe nach Weimar gefolgt ist und streckenweise den Part des Hauptakteurs übernimmt und Goethe damit immer mal wieder in die zweite Reihe drängt. Über Lenz erfährt der Leser hier nahezu genauso viel wie über Goethe selbst. In puncto Charakterzeichnung ist Lenz sogar weitaus interessanter als Goethe und man bringt dem tragischen Helden Lenz mehr Sympathie entgegen als dem angehenden Dichterfürsten Goethe, dem stets eine gewisse Arroganz und Überheblichkeit anhaftet. Der Blick des Autors auf Goethe ist wohldosiert ironisch, ohne dabei in Sarkasmus zu verfallen oder gar in Lächerlichkeit abzudriften. Der Mensch Goethe, der dem Leser hier begegnet, ist ein nachdenklicher, ja fast melancholischer junger Mann mit einer gewissen Orientierungslosigkeit, die wohl ein stückweit dem Umzug Goethes von Frankfurt nach Weimar geschuldet ist. Diese Orientierungslosigkeit erstreckt sich auch auf Goethes Liebesleben. Dass er sicher kein Kostverächter war, ist allgemein bekannt, ob er allerdings wirklich so ein Frauenheld war, wie uns der Autor hier glauben machen will, scheint dann doch etwas weit hergeholt. Vor allem das angedeutete inzestuöse Verhältnis Goethes zu seiner Schwester Cornelia nimmt man dem Autor nicht ab, hier wäre ein differenzierendes Nachwort sicher hilfreich gewesen.

Eine wichtige Rolle spielt das Verhältnis Goethes zu Charlotte von Stein und der Autor integriert Auszüge aus Briefen Goethes an die Stein in seine Erzählung, bei denen man es aber dahingestellt lassen muss, ob sie authentisch sind oder vom Autor erfunden wurden, denn leider gibt es wie bereits erwähnt – kein Nachwort, das zwischen Fiktion und Historie unterscheidet.

Die Reise des Zeichners ist kein Roman, der sich am Mainstream orientiert und den man mal so nebenbei weg liest und dann abhakt. Er verdient Aufmerksamkeit, lädt zum Verweilen und Nachdenken ein und wird damit eher die Leser ansprechen, deren literarische Messlatte in der Regel etwas höher liegt.  

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