Bis wieder ein Tag erwacht von Charlotte Roth

Buchvorstellungund Rezension

Originalausgabe erschienen 2017unter dem Titel „Bis wieder ein Tag erwacht“,, 704 Seiten.ISBN 3-426-51840-6.

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Kurzgefasst:

Ein verwunschenes Küstendorf in der Provence in den 30er Jahren des 20. Jahrhunderts: Über alle Klassenunterschiede hinweg wachsen fünf Kinder miteinander auf: Nathalie, die Bürgerstochter, Fabrice und Didier, die Brüder vom Schloss, und das Mauerblümchen Delphine sowie Nathalies algerischer Diener Salah. Doch auf dem Weg zum Erwachsenwerden zerbricht ihre kleine geborgene Welt: Nathalie ist in Didier verliebt, dieser aber bringt den Mut nicht auf, um sie zu kämpfen. Als die enttäuschte Nathalie nach Paris flieht, stürzt sie sich in einen Tanz auf dem Vulkan und begegnet dem Deutschen Alwin, der zum ersten Mal erahnt, wie die Freiheit schmeckt. Doch das zaghafte Glück und alle Hoffnung finden ein jähes Ende, als Frankreich über Nacht im Krieg steht. Der zweite Weltkrieg beginnt, und aus Freunden werden Feinde, auf Seiten von Résistance und Besatzungsmacht stehen sich die, die sich gestern noch liebten, auf Leben und Tod gegenüber. Plötzlich müssen die jungen Leute Entscheidungen treffen – nicht mehr nur über ihr eigenes Schicksal, sondern über die Zukunft ihres Landes und sogar der halben Welt.

Das meint Histo-Couch.de: „Ein Denkmal für die Résistance“95Treffer

Rezension von Birgit Borloni

Didier, Fabrice, Nathalie, Salah und Delphine. Fünf Namen, fünf Kinder, die in einem kleinen provencalischen Dorf aufwachsen und exemplarisch für eine verlorene Generation stehen: Die Generation der Kriegskinder des Ersten Weltkriegs. Der Kindheit beraubt, geprägt durch den Verlust ihrer Väter, Brüder und Onkel, kämpfen sie darum, ihren Platz in der neuen Welt zu finden.

Jeden Sommer ihrer Kindheit verlieren sie sich in ihrem Spiel, in dem sie neue Welten erschaffen und jede Rolle einnehmen können, die sie wollen. Doch das Leben ist kein Spiel, was alle Beteiligten auf schmerzhafte Art und Weise lernen müssen, während sie heranwachsen, aus Freundschaft Liebe wird und sie versuchen, ihre jeweiligen Träume zu verwirklichen.

Während Charlotte Roth ihre Leser tief in das Leben und die Schicksale ihrer Protagonisten hineinzieht und man diese gespannt verfolgt, braut sich am Horizont die nächste Katastrophe zusammen, die das Leben aller in einen weiteren Abgrund reißen wird: Der Zweite Weltkrieg.

Im Juni 1940 werden Paris und Teile von Frankreich von den Deutschen besetzt und Nathalie, die mittlerweile dort lebt, lernt den deutschen Offizier Alwin kennen und verbringt einen wundervollen Sommer mit ihm – bis es Zeit wird, sich für eine Seite zu entscheiden&

Widerstand gegen den Faschismus

Mit Bis wieder ein Tag erwacht hat Charlotte Roth einen wort- und bildgewaltigen Roman geschaffen, der ein zentrales Thema hat: Widerstand. Da Frankreich zu den Siegermächten gehörte, wird leicht vergessen, dass die Deutschen bereits 1940 Paris und den Norden des Landes besetzt haben, ab 1942 dann auch den Süden Frankreichs. Die Vichy-Regierung unter Marschall Pétain kollaborierte mit Hitler-Deutschland und hielt auch die Franzosen dazu an, mit den Deutschen zusammenzuarbeiten.

Doch überall im Land schlossen sich Widerstandsgruppen zusammen, die gegen die Besatzung und die Faschisten arbeiteten – bekannt als Resistance. Diese Gruppierungen einte zwar ihr Kampf gegen die Nazis, da sie aber aus völlig unterschiedlichen politischen Lagern kamen, konnten sie sich zunächst nicht auf eine Zusammenarbeit verständigen. Es ist der unermüdlichen Arbeit des Widerstandskämpfers Jean Moulin zu verdanken, unterstützt aus dem Ausland von General Charles de Gaulle, daß sich schließlich doch eine gewisse Koordination und eine gemeinsame Zielsetzung etablieren ließ.

Roth arbeitet anhand ihrer Protagonisten wunderbar heraus, dass es damals Menschen gab, die unter Einsatz des eigenen Lebens unermüdlich Widerstand leisteten. Sei es, weil sie überzeugt waren, dass man Faschismus mit allen Mitteln bekämpfen muss, egal wie aussichtslos die Situation auch scheinen mag, oder weil die Nazis die eigene Familie oder die eigenen Freunde bedrohten. Es erscheint beim Lesen mehr als einmal unglaublich, was ein Menschen erleiden und erdulden kann und wie viel Kraft man doch immer wieder in sich finden kann, wenn man einfach weiter machen muss, weil Aufgeben keine Option ist.

Kolonialfrankreich und Mitläufertum

Neben dem Thema Widerstand widmet sich dieses Buch noch zwei weiteren wichtigen Inhalten: Einmal die Behandlung der Einwohner der französischen Kolonisten durch die Franzosen. In beiden Weltkriegen kämpften Algerier, Tunesier und Marokkaner Seite an Seite mit Franzosen, nur um nach Kriegsende jeweils wieder zu Menschen zweiter Klasse degradiert zu werden. Ein Thema, das vielen unbekannt sein dürfte. Salah ist Nathalies Diener aus Kindertagen und ihr Freund im Erwachsenenalter. Er ist innerlich zerrissen und heimatlos: Sein Land hat er als Kind verlassen, eine Rückkehr ist schwierig und würde bedeuten, ihm wichtige Menschen zurückzulassen. Doch Frankreich ist nicht seine Heimat, ihm wird immer wieder zu verstehen gegeben, dass er hier keinen Platz hat, da man ihm nicht traut. So muss er sich schließlich entscheiden, ob er den Kampf aufnimmt: Für Frankreich, für seine Heimat und gegen den Faschismus.

Zum zweiten thematisiert Charlotte Roth das Mitläufertum, vor allem am Beispiel des Deutschen Alwin. Der Erste Weltkrieg ließ ihn als Halbweisen zurück, seine Mutter übertrug ihm die Verantwortung und er versucht verzweifelt, ihr gerecht zu werden. Sein Vorbild ist sein Vater, ein preußischer Kavalier, an den er nur verschwommene Erinnerungen hat und die von ihm hoch gehaltenen Tugenden im Deutschland der Zwanziger Jahre kaum noch was gelten. Schließlich wird Alwin Offizier der Wehrmacht und Parteimitglied der NSDAP, sein Leben gewinnt Stabilität und ist doch voller Widersprüche: Er ist bezaubert von Paris und Nathalie, schockiert von Gewalttaten und Gräueln, die er miterleben muss, überzeugt von der Überlegenheit der Deutschen. „Es gibt keine netten Nazis“ lautet ein Satz aus dem Roman und er trifft vollkommen zu. Aber es gibt Menschen unter den Nazis, die, wie Alwin, nicht zu 100 Prozent von der Ideologie überzeugt sind, die entsetzt sind von Dingen, die um sie herum geschehen, die aber zu ängstlich oder zu schwach sind, dagegen aufzustehen und die lieber den Kopf in den Sand stecken, als der Wahrheit ins Gesicht zu schauen. Das entschuldigt ihr Verhalten in keiner Weise, führt aber vor Augen, wieso die Nazis es überhaupt so weit schaffen konnten. Hätte die NSDAP nur Unterstützung von Leuten erhalten, die vollkommen überzeugt von ihren Ansichten waren, dann wäre Hitler vermutlich nie über die Feldherrenhalle in München hinaus gekommen.

Bis wieder ein Tag erwacht ist ein gewaltiger, mitreißender Roman, der aufwühlt, hinterfragt, den Finger dorthin legt, wo es weh tut und der den großen Widerstandskämpfern der Resistance ein Denkmal setzt. Er stellt die Frage, wie weit man bereit ist zu gehen, wie Moral und Gewissen den Widerstand beeinflusst haben und wie die Überlebenden mit ihren Taten wohl zurechtkommen werden. Vor allem transportiert er aber die unglaublich wichtige Botschaft: „Nie wieder Krieg, nie wieder Faschismus!“

Ihre Meinung zu »Charlotte Roth: Bis wieder ein Tag erwacht«

Jana68 zu »Charlotte Roth: Bis wieder ein Tag erwacht«06.08.2017
Charlotte Roth's neuem Roman "Bis wieder ein Tag erwacht" habe ich regelrecht entgegengefiebert. Meine Erwartungen wurden nicht enttäuscht, ganz im Gegenteil, dieser Roman ist wieder sehr gelungen und hallt sehr lange nach.

Es ist die Geschichte von "Kriegskindern". Geboren wenige Jahre vor dem 1. Weltkrieg, wachsen sie in entbehrungsreicher Zeit auf, belastet durch die Folgen des Großen Krieges. Zwei Handlungsstränge laufen aufeinander zu und verbinden sich zu einem großen Ganzen.

Da sind zunächst die 5 Kinder der Provence von unterschiedlichem Stand und dennoch in Freundschaft verbunden:
Nathalie, die Lebenshungrige, die für sich reklamiert, ihre Träume zu leben und dabei ein ums andere Mal recht rücksichtslos erscheint.
Didier und Fabrice, Söhne vom Château; der eine festgefahren in der schwierigen Verantwortung für Familie und Besitz; der andere ein Rebell, der nie ein Blatt vor den Mund nimmt
Delphine, die Erbin eines großen Vermögens, eher unscheinbar und weniger mutig.
Und schließlich Salah, Nathalie's Diener, der aus Algerien stammt. Klug und treu, gezeichnet von großen Verlusten, der immer still an Nathalie's Seite bleibt und auf sie aufpasst.
In jedem Sommer spielen sie ihr "Weltenspiel", fliehen in Fantasien und Träume. Sie sind die fünf Finger einer Hand. Die dominante Nathalie und der rebellische Fabrice sind die Antreiber, sie entwickeln sich im Verlauf des Romans zu den Hauptprotagonisten.

Und dann ist da Alwin, dessen Familie die Wirtschaftskrise nicht unbeschadet übersteht und der zur gleichen Zeit in Berlin viel zu früh in die Rolle des Familienoberhauptes schlüpfen muss. Seine Schwester Dörte leidet an starken Depressionen und Alwin versucht, was immer ihm möglich ist, um Dörte zu helfen und sie zu schützen. Mit dem aufkommenden Nationalsozialismus gerät Dörte in massive Gefahr. Durch Dörte lernen wir auch Rieke kennen, eine selbstbewußte junge Frau, die sich im Kreise alter Bekannter bewegt, welche wir aus "Als wir unsterblich waren" sehr gut kennen. Ich habe dieses Wiedersehen sehr genossen.

Sie alle haben Träume und suchen nach ihrem Platz im Leben.
Beide Handlungen treffen in Paris aufeinander und sind spätestens ab dem Sommer 1937 schicksalhaft miteinander verknüpft. Ich habe mich (wieder einmal) als Nachbarin dieser Pariser Wohngemeinschaft empfunden und es sehr genossen. Ich habe Paris' am Morgen erwachen sehen und die Liebe zu dieser Stadt nachempfinden können. Ich habe aber auch mitgefühlt, mitgelitten und gehofft, war traurig, enttäuscht und wütend.
Mit jedem Kapitel gewinnt dieser Roman an Stärke, er findet seinen Höhepunkt im Engagement einiger Helden in der Résistance. Die Einbindung realer Ereignisse und Personen, die in der Résistance aktiv waren, ist vollumfänglich gelungen und wirkt nie erzwungen oder aufdringlich. Mich hat gerade dies dazu veranlasst, über die Résistance genauer nach zu lesen.

Es ist vor allem Charlotte Roth's wunderbarer Schreibstil, der mich bei all ihren Büchern zu einem Teil ihrer Geschichten werden läßt; emotionsgeladen, poetisch, bildhaft und stets mit Botschaften an den Leser. Die eine Botschaft, die ich vor allem zwischen den Zeilen gelesen habe lautet: Liebe und schätze das Leben, lebe die Liebe und lass Dich nicht beirren.
Die klarste Botschaft aber lautet: Nie wieder Krieg, nie wieder Faschismus!
Dies ist eine Botschaft, die sich durch alle 4 Bücher von Charlotte Roth zieht und die nie an Aktualität verliert.

Liebe Charlotte Roth, ich danke von Herzen für dieses großartige Buch und verbinde diesen Dank mit der eindringlichen Bitte nach mehr davon.
-LENA- zu »Charlotte Roth: Bis wieder ein Tag erwacht«18.07.2017
Es geht um eine Generation, die Verluste erlebt, manche zu schnell erwachsen werden und die Last der Verantwortung tragen müssen.

In der Provence wachsen fünf Freunde auf, deren Hintergrund völlig unterschiedlich ist. Die Sommer verbringen sie gemeinsam und das „Weltenspiel“ gehört zu ihrer Lieblingsbeschäftigung. Ihre Wege trennen sich und Nathalie versucht ihre Träume in Paris zu verwirklichen. Immer an ihrer Seite der treue Salah, eine der Lieblingsfiguren.
Didier muß sich entscheiden und den vorgezeichneten Weg gehen.
Fabrice ist unkonventionell und genießt das Leben. Welchen Weg geht er?
Nathalie gehört zu den widersprüchlichsten Personen . Lange versteht man ihr impulsives Handeln nicht. Wird sie jemals den Ernst des Lebens erkennen oder spielt sie immer weiter?

Alwin lebt in Berlin und hier trifft man auf den ein oder anderen alten Bekannten. Er versucht in die Fußstapfen seines Vaters zu treten und muß einige Rückschläge in Kauf nehmen.

Man erlebt intensiv beschriebene Sommer, die die Gegenwart auslöschen . Durch die bildhafte und eindringliche Schilderung der Situationen ,in die die Protagonisten geraten, ist man mittendrin im Geschehen. Man steht an der Brüstung von Sacre Coeur und erlebt, wie wieder ein Tag in Paris erwacht.
Erst im letzten Drittel wird mehr auf die Besatzungszeit und die Résistance eingegangen, hier hätte man gerne mehr erfahren. Wie gehen die Protagonisten damit um?
Es ist immer wieder aufwühlend über diese Zeit zu lesen. Denn „Nette Nazis gibt es nicht“

Der Autorin ist es gelungen, das Leben mit ihren Höhen und Tiefen in einer politisch brisanten Zeit zu erzählen.
Durch ihren emotionalen Sprachstil versteht es Charlotte Roth den Leser in den Bann zu ziehen. Nicht zu vergessen ihre Liebeserklärung an die Stadt Paris. Kopfkino pur!
Orange zu »Charlotte Roth: Bis wieder ein Tag erwacht«14.07.2017
In den 1930iger Jahren wachsen in der Provence fünf Kinder gegen alle gesellschaftlichen Schranken miteinander auf. Nathalie, die Bürgerstochter, die adligen Brüder Didier und Fabrice, das Mauerblümchen Delphine sowie Nathalies Diener Salah. So unterschiedlich sie sowohl vom Stand als auch vom Charakter her sie sind - wie die fünf Finger einen Hand gehören sie zusammen. Doch sie sind Kriegskinder, der erste Weltkrieg hat in den Familien und den Köpfen der Franzosen tiefe Wunden geschlagen. Auf den Weg zum erwachsen werden, begleiten wir die fünf über die Jahre hinweg.
Zur gleichen Zeit lebt Alwin in Berlin. Nach den Tod seines Vaters und den Verlust des Familiengutes versucht Alwin seine Schwester und seine Mutter durchzubringen. Er fühlt sich der Familientradition verpflichtet und geht zum Militär. Doch in Deutschland übernehmen die Nazis die Macht.
Als es Nathalie in ihrem Dorf zu eng wird, geht sie nach Paris. Dort trifft sie auf Alwin und die beiden erleben einen bittersüßen Sommer. Doch was keiner wahrhaben und glauben wollte trifft ein: Deutschland und Frankreich stehen im Krieg!
Die Autorin erzählt ihre Geschichte aus der Sicht gleich mehrerer sehr unterschiedlich gestrickter Romanakteure und treibt sie so voran.
Zudem ist es der Autorin meiner Meinung nach sehr gut gelungen das Grauen des Krieges beinahe greifbar zu machen. Man fiebert mit den Personen, hofft und bangt um sie.
Sehr geschickt bindet sie zudem reale Personen und Begebenheiten in die Geschichte ein. Die Chansonsängerin Fréhel, Abbe Franz Stock (den ich bis dahin nicht kannte), den französischen Résistance - Anführer Jean Moulin, General Charles de Gaulle und andere kommen in Nebenrollen zu ihren Auftritten.
Wer „Als wir unsterblich waren“ kennt, wird auf einige bekannte Gesichter treffen, die ebenfalls Gastauftritte haben.
Mir hat „Bis wieder ein Tag erwacht“ wieder sehr, sehr gut gefallen. Es ist kein Buch zum runterlesen, unweigerlich bangt, leidet, freut oder trauert man mit den Akteuren. Manche Szenen erforderten eine Pause, aber für Lange konnte ich das Buch nie aus der Hand legen.
Ein Nachwort sowie ein Glossar runden das Buch perfekt ab.
Charlotte Roth: Bitte unbedingt mehr davon!!!
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