Der Tod des Inquisitors von Catherine Jinks

Buchvorstellungund Rezension

Der Tod des Inquisitors von Catherine Jinks

Originalausgabe erschienen 1990unter dem Titel „The Inquisitor“,deutsche Ausgabe erstmals 2004, 506 Seiten.ISBN 3-499-24378-4.Übersetzung ins Deutsche von Michael Haupt.

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Kurzgefasst:

Südfrankreich im 14. Jahrhundert: Die Kirche kämpft erbittert gegen die Katharer und die Mühlen der Inquisition mahlen ohne Pause. In der Stadt Lazet ist Bruder Bernard Inquisitor, doch statt Fanatismus bestimmt Verständnis sein Handeln. Folter ist ihm zuwider, lieber wendet er in seinen Verhören Taktik und Raffinesse an. Doch dann wird sein Vorgesetzter grausam ermordet, und Bernard gerät selbst ins Visier der Inquisition …

Das meint Histo-Couch.de: „;Das Höllenfeuer wird stets auf Erden angefacht“;85Treffer

Rezension von Michael Drewniok

Südfrankreich im Jahre des Herrn 1318. Sechs Jahrzehnte sind seit dem zweiten Kreuzzug gegen die Katharer oder Albigenser verstrichen. Diese Asketen-Sekte, deren Mitglieder die Bibel rigide auf eine Weise auslegten, die der offiziellen Deutung durch die katholische Kirche widersprach, wurde im Bund mit dem König von Frankreich erbarmungslos bekämpft und beinahe ausgerottet. Aber die Kirche vergisst nie jene, die es wagten, ihr die Stirn zu bieten. Das „Heilige Amt“, die Inquisition, ist stark in der Provinz Narbonne, einem Kernland der Albigenser, die hier länger als irgendwo sonst ausgehalten hatten, wo die nahen Pyrenäen Schutz und Flucht nach Spanien versprachen. Deshalb lebt die Häresie fort, heimlich zwar, doch hartnäckig.

Die kleine Stadt Lazet beherbergt in ihren Mauern die Priorei der Predigenden Brüder, eine Klostergründung des Dominikanerordens. 28 Mönche, 17 Laienbrüder und 12 Studenten leben, beten und arbeiten hier – und 178 Gefangene, verdächtig der Ketzerei, schmachten derzeit im Gefängnis des Heiligen Amtes. Der Papst – aktuell ist es Johannes XXII. – bedient sich gern der Bettelmönche als Inquisitoren; sie gelten als unbestechlich und streng in der Verfolgung der Glaubensfeinde. In Lazet ist gerade Jacques Vaquier, der oberste Inquisitor, gestorben. Sein Stellvertreter Bernard Peyre de Prouille fühlt sich der Nachfolge allein nicht gewachsen und bittet das Mutterhaus im fernen Paris, ihm einen Pater zu schicken.

Es erscheint Augustin Duese, ein fanatischer Ketzerfresser: Die Inquisition kommt über Lazet! Doch bevor sie richtig beginnen kann, werden Duese und vier Soldaten, die ihn begleiten und schützen sollten, auf einer Reise über Land überfallen, unweit des Dorfes Casseras getötet und in Stücke gehackt, die über den ganzen Landstrich verstreut werden. Die Täter verschwinden zunächst spurlos; Misstrauen und Furcht breiten sich aus. Dem Fanatiker Duese folgt der engstirnige Pierre-Julien Fauré, der überall nicht nur Ketzer, sondern auch Hexen und Teufel sieht und außerdem Bernard Peyres Erzfeind ist. Gar zu gern würde Fauré ihm schaden – und die Gelegenheit ist günstig: Bernard, der zur Keuschheit verpflichtete Gottesmann, hat sich in die kluge und tapfere (und natürlich schöne) Edelfrau Johanna de Caussade verliebt, eine Beziehung, die beide in allerhöchste Lebensgefahr bringt …

Slalom um die Fallgruben des Historienromans

„Der Inquisitor“, ein Roman über das europäische Mittelalter, wurde verfasst von einer Autorin, die zumindest geografisch der Narbonne nicht ferner stehen könnte: Catherine Jinks wurde 1963 in Brisbane in der australischen Provinz Queensland geboren. Ist es die Entfernung, die dem „Inquisitor“ eine erfreuliche Ausnahmestellung auf dem allzu stark beackerten Feld des Historienromans verschafft? Das Genre bietet nicht nur denen, die sich von Berufs wegen mit dem Mittelalter beschäftigen, immer wieder gute Gründe zu Zorn und Ärger. „Das Mittelalter“ scheint nach Ansicht gar zu vieler Schreiberlinge nur eine exotische Kulisse zu sein, in der sich Uralt-Allerweltskrimis abspielen, die zu allem Überfluss kräftig mit Chick-Lit- und Seifenoper-Elementen versetzt werden. Selbst gut recherchierende Autoren wiederholen oft seelenlos angelesenes Wissen, während ihnen ein echtes Verständnis des Mittelalters abgeht und Normen und Geisteshaltungen der Gegenwart einfach in die Vergangenheit projiziert werden. 

So entsteht nur ein Disneyland-Mittelalter. Alles sieht halbwegs echt aus und ist doch nur Tand und Trug, wie St. Penetrantius, Schutzheiliger aller mönchischen Amateurdetektive vom Schlage eines Bruder Cadfael, wohl sagen würde. Auch Catherine Jinks hätte leicht in die Falle tappen können. Sie lässt ihre Geschichte ausgerechnet im Umfeld der katholischen Inquisition spielen. Auf dieser Institution lastet eine Jahrhunderte dicke Schicht aus Legende, Missverständnis und wohl übler Nachrede. Dumme, bornierte, fanatische, geile Pfaffen martern unschuldige, kluge, fortschrittlich denkende Frauen, Andersgläubige oder (mit weitem Abstand folgend) sogar männliche Gutmenschen: So sieht ein typischer Historienroman um die Inquisition aus. Den Rest erledigt dann zuverlässig die politisch korrekte Empörung des klug gewordenen Lesers der Gegenwart über die gar schreckliche Vergangenheit. 

Die künstlich verdüsterte Welt der Inquisition

Mit solchen billigen Tricks arbeitet Jinks nicht. Sie versteht es, das „Heilige Amt“ und jene, die ihm dienen, harmonisch in das historisierende Umfeld zu integrieren. Zwar vereinfache ich jetzt der Deutlichkeit wegen, doch im zeitgenössischen Bewusstsein dürfte die Inquisition etwa dieselbe Präsenz wie heutzutage das Finanzamt besessen haben: unsichtbar über den Menschen schwebend und ihr Recht fordernd, aber doch nur selten auf sie herabstürzend, um einen Unglücklichen aus ihrer Mitte zu reißen. Das mittelalterliche Europa wurde keineswegs auf Jahrhunderte nachts von den Feuern der Inquisition erleuchtet, Ketzer und Hexen nicht wie Kaminholz verheizt. Unbestritten sind allzu viele scheußliche Verbrechen und Massenmorde im angeblichen Namen Gottes, aber objektiv fanden sie zeitlich und örtlich begrenzt statt.

Eine Zeitreise zurück ins Südfrankreich des 13. Jahrhunderts wünscht sich allerdings kein denkender Mensch mit historischen Grundkenntnissen. Hier wurde über viele Jahre in der Tat kein Pardon gegeben. Doch 1318 ist wieder Ruhe eingekehrt. Die Inquisition gehört zum Alltag, Verhaftungen und Hinrichtungen kommen vor, aber das ist halt das Risiko der Ketzerei, die von der Mehrheit der Bevölkerung ohnehin nicht toleriert wird – und werden schließlich nicht Verrat, Mord und hundert andere Verbrechen von der weltlichen Gerichtsbarkeit mit Folter und Tod geahndet? Die Inquisitoren selbst sind keine Bestien in Menschengestalt, sondern fromme und hart arbeitende Männer (so fremd uns dies heute auch erscheinen mag). Bernard Peyre, unser Ich-Erzähler, ist sogar ein sehr sympathischer Zeitgenosse, freundlich, humorvoll, ein wenig schwach im Fleische – und doch ein sehr erfolgreicher Inquisitor, obwohl er brennende Scheiterhaufen nur schwer erträgt. Diesen Widerspruch löst Jinks nicht auf; sie überlässt es den Lesern, sich mit ihm auseinanderzusetzen. Dabei fährt man am besten, wenn man akzeptiert, dass es ihn im Mittelalter so nicht gab.

Schwarz-weiß ist auch die Welt des Mittelalters

Die differenzierte Figurenzeichnung hält Jinks bemerkenswert gut durch. Nicht einmal der düstere Augustin Duese oder sein unfähiger Nachfolger missraten zur bloßen Karikatur. Ihre Frauengestalten stellt Jinks nie als präfeministische, lächerlich anachronistische Streiterinnen bloß, die anders als die Mönche, Ritter oder Patres (= die dummen Männer) nur Güte, Vernunft und menschliche Überlegenheit ausstrahlen.

Stattdessen findet Jinks die Nischen der nun einmal vornehmlich männlich bestimmten Gesellschaft des Mittelalters und platziert Frauen dort, wo sie sich nachweislich selbstständig entfalten konnten. Weil dies so stimmig ins Gesamtbild passt, merkt auch der historische Laie, dass ihm (oder ihr) hier nicht die nächste Schüssel des geschmacksneutralen Bruder-Katzenfell-Quarks vorgesetzt wird. Da kann er (und hoffentlich auch sie) sich auch damit abfinden, dass die Auflösung des Plots wie so häufig nicht halten kann, was zuvor versprochen wurde. Immerhin gibts nur ein gedämpftes Happy-End, was angesichts der in ihrer Vielfalt etwas konstruiert wirkenden Verwicklungen logisch scheint.

Das Mittelalter: exotisch und nicht erschreckend

Bleibt noch die sorgfältige Übersetzung zu loben, die Catherine Jinks nie im Stich lässt. Sie hat sich überaus große Mühe gegeben, ihre Figuren nicht nur in eine mittelalterliche Welt zu versetzen, sondern bemüht sich, sie auch mittelalterlich denken und sprechen zu lassen. Da Bernard Peyre ein gelehrter Kleriker ist, führt dies zu einer Flut von Zitaten und Exkursen aus mehr oder weniger frommen Werken der Kirchengeschichte und bildhaft-biblischen Vergleichen. So etwas liest sich natürlich nicht so glatt herunter wie der aktuelle Ich-habe-nur-einen-Wortschatz-von-100-Wörtern-und-bin-stolz-darauf-Bestseller, besitzt aber seine ganz eigene Logik und seinen eigenen Reiz, der sich während der Lektüre rasch mitteilt. Dazu kommt ein fast unmerklicher, weil knochentrockener Humor, der gleichzeitig deutlich macht, dass auch die angeblich so vernagelten Menschen des Mittelalters sich der Widersprüche ihrer Zeit durchaus bewusst waren oder  längst nicht in furchtsamer Ergebenheit vor der Obrigkeit ihr freudloses Dasein fristeten. Unterhaltung bei sachter Information: So kann ein Historienroman eben auch sein.

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