Der Hügel des Windes von Carmine Abate

Buchvorstellungund Rezension

Der Hügel des Windes von Carmine Abate

Originalausgabe erschienen 2012unter dem Titel „La collina del vento“,deutsche Ausgabe erstmals 2013, 314 Seiten.ISBN nicht vorhanden.Übersetzung ins Deutsche von Esther Hansen.

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Kurzgefasst:

Die Geschichte einer Familie über ein Jahrhundert: Weithin leuchten die roten Matten des Rossarco, wenn im Frühling der Süßklee blüht und der Wind seinen Duft bis hinunter zum Meer trägt. Ein Paradies auf Erden, Schicksalsort der Bauernfamilie Arcuri, den sie mutig und stur verteidigen: Albertos Sohn Arturo gegen den Großgrundbesitzer Don Lico, der ihn später als faschistischer Podestà in die Verbannung schickt. Seine Frau Lina, die, allein mit zwei Kindern, das Land weiter bewirtschaftet und getreu dem Familienschwur keine Handbreit davon preisgibt. Ihr Sohn Michelangelo, schließlich, wird es mit der Mafia zu tun bekommen, bis er sich gezwungen sieht, sein Kind bei den Turiner Großeltern in Sicherheit zu bringen. Doch auch dieser jüngste Spross der Familie folgt immer wieder dem Ruf des Rossarco, bis er in einer stürmischen Gewitternacht, allein mit seinem Vater in der alten Steinhütte, das Geheimnis lüftet, das der Hügel seit Generationen bewacht.

Das meint Histo-Couch.de: „Ein Hügel, eine Familie, ein Jahrhundert“85Treffer

Rezension von Almut Oetjen

Auf dem Rossarco, einem Hügel mit Steineichenwald, einer Schlucht mit Grotten und jahrhundertealten Olivenbäumen in Kalabrien, weht ein stetiger Wind. Den Namen trägt der Rossarco nach dem im Frühjahr purpurrot blühenden Süßklee. Im nahen Dorf Spillace hält sich das Gerücht, im Rossarco seien archäologische Schätze verborgen.

Der Roman beginnt vor dem Ersten Weltkrieg. Alberto Arcuri hat zwei Felder auf dem Rossarco geerbt, den Rest des Hügels von Amerika-Auswanderern zusammengekauft, die vor Hunger und Not im Land fliehen. Mit seiner Frau Sofia beackert er die unwirtliche Steinwüste und schuftet nebenher in den Schwefelminen, um die drei Söhne zu ernähren. In Jahren harter Arbeit verwandeln die Arcuris den Hügel in ein kleines Paradies, das ihnen Auskommen und Unabhängigkeit sichert und sie zusammenschweißt. Mit Sturheit, Opferbereitschaft und Mut verteidigen in den nächsten Jahrzehnten drei Generationen den geliebten Rossarco.

Albertos Sohn Arturo, der als einziger der drei Söhne den Ersten Weltkrieg überlebt, wird vom Großgrundbesitzer und faschistischen Bürgermeister Don Lico für fünf Jahre in die Verbannung schickt. Arturos Frau Lina, die mit den Kindern Michelangelo und Ninabella allein zurückbleibt, bewirtschaftet den Hügel weiter. Sie erlaubt lediglich dem Archäologen Paolo Orsi, nach der antiken griechischen Stadt Krimisa zu graben. Orsi zieht nach dem Fund zweier Skelette neueren Datums alsbald wieder ab.

Nach dem Zweiten Weltkrieg verteidigt Michelangelo den Hügel gegen die Mafia, die eine Touristensiedlung bauen will, und muss seinen Sohn Arturo Cesare zu den Turiner Großeltern in Sicherheit bringen. Später will ein Unternehmen Windräder errichten. Als beinahe Achtzigjähriger ruft Michelangelo seinen Sohn aus dem Trentin zu sich auf den Hügel und erzählt ihm die Geschichte der Familie und des Rossarco, beginnend bei Sofia und zwei erschossenen Männern im Süßklee.

Geschichte eines Hügels

Carmine Abate, in Kalabrien geboren und in Deutschland aufgewachsen, arbeitet als Lehrer und Schriftsteller im Trentin. Sein epischer Roman erzählt aus seiner Heimat, von einer Bauernfamilie, die ein ganzes Jahrhundert italienische Geschichte durchläuft. Er verknüpft ihr Leben eng mit der des Landes und orientiert sich dabei an historischen Wendemarken.

Zwei Figuren sind historisch, die Archäologen Paolo Orsi und Umberto Zanotti-Bianco, deren erklärtes Ziel es war, die Geschichte zu rekonstruieren, um „die fernste Vergangenheit mit der Gegenwart zu verbinden und der Welt und den ahnungslosen Kalabriern selbst die Großartigkeit ihres Landstrichs zu offenbaren, der lediglich für seine Armut und Rückständigkeit der Bevölkerung sowie seiner Mafia-Gewalt bekannt war.“ Das könnte auch als Motto über dem Roman stehen, den Abate seinem Vater gewidmet hat, der ihn mit wertvollen Geschichten über das Leben in der Region versorgt hat.

Dem Roman vorangestellt ist ein Zitat von Elias Canetti über die Wahrheit, die erfühlt und eingeatmet werden muss, weil man allein mit dem Verstand nicht zu ihr durchdringt. Diesem Zitat unterstellt sich die Tonart des Buches, das mit einem Anhang zu den Quellen und zur Entstehungsgeschichte des Romans schließt.

Für „Collina del vento“, so der Originaltitel, wurde Abate 2012 mit dem Premio Campiello ausgezeichnet.

Der Roman ist eine gelungene Mischung aus Fakten und Fiktion, intelligent, atmosphärisch dicht und nachhaltig berührend, trotz gewisser verklärender und sentimentaler Momente.

Ihre Meinung zu »Carmine Abate: Der Hügel des Windes«

uli123 zu »Carmine Abate: Der Hügel des Windes«11.02.2016
An dem Hügel von Rossarco in der Nähe von Spillace an der Küste Kalabriens ist diese Geschichte über die süditalienische Familie Arcuri angesiedelt. Sie setzt zu Beginn des 20. Jahrhunderts ein und erstreckt sich bis heute. Der Minenarbeiter Alberto erwirbt den steinigen, unfruchtbaren Hügel und macht ihn mit seiner Hände Arbeit urbar. Alberto und seine Ehefrau Sofia verbinden mit dem Hügel ein Familiengeheimnis, das erst Generationen später offenbar wird. Der Rossarco ist so manches Mal schicksalsweisend im Leben der Arcuris. Die nachfolgenden Generationen (Sohn Arturo, Enkelsohn Michelangelo) verteidigen ihn gegen den örtlichen Großgrundbesitzer, Faschisten und die Mafia. Durch Besitz und Bildung haben die Arcuris eine privilegierte Stellung unter den Dorfbewohnern, sie begegnen Neid und Einschüchterung. Außer für sie ist der Rossarco auch im Focus des berühmten Archäologen Paolo Orsi, der dort die mythische, aus dem 7. Jahrhundert stammende Stadt Krimisi als vergraben vermutet. Auf diese Weise erhält der Leser Einblick in die archäologische Vergangenheit Süditaliens.

Die gesamte Geschichte wird aus der Ich-Perspektive des Urenkels von Alberto und dem Sohn von Michelangelo erzählt. Der Erzähler bleibt lange namenlos, bis wir ihn als Arturo Cesare (genannt Rino) kennenlernen. Dadurch soll wohl zum Ausdruck gebracht werden, dass er, der 1192 km entfernt Lebende, keine so persönliche Beziehung zum Rossarco mehr hat wie seine Vorfahren. Erzähltechnisch findet ein stetiger Wechsel zwischen in der Gegenwart liegenden Besuchen von Rino bei seinem Vater auf dem Rossarco und Rückblenden auf die Vergangenheit statt. So werden immerhin 100 Jahre recht straff verarbeitet. Ereignisse in der Familie Arcuri und allgemeine historische Begebenheiten werden konzentriert dargestellt. Die Spannung wird gehalten, weil das Familiengeheimnis erst gegen Ende gelüftet wird. Der Schreibstil ist recht malerisch und lässt erkennen, wie verwurzelt der Autor in der Region ist, in der auch er geboren wurde. Immer wieder wird die Fauna des Rossarco malerisch und detailliert geschildert. Der Leser fühlt sich quasi in die Landschaft hineinversetzt.

Ein berührendes Buch, das ich uneingeschränkt empfehlen kann.
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