Alles Licht, das wir nicht sehen von Anthony Doerr

Buchvorstellung

Alles Licht, das wir nicht sehen von Anthony Doerr

Originalausgabe erschienen 2014unter dem Titel „All the Light We Cannot See“,deutsche Ausgabe erstmals 2014, 528 Seiten.ISBN 3406667511.Übersetzung ins Deutsche von Werner Löcher-Lawrence.

»Alles Licht, das wir nicht sehen« kaufen oder zum Merkzettel hinzufügen

bestellen bei amazon

in mein Bücherregal

Kurzgefasst:

Saint-Malo 1944: Marie-Laure, ein junges, blindes Mädchen, ist mit ihrem Vater, der am „Muséum National d’Histoire Naturelle“ arbeitet, aus dem besetzten Paris zu ihrem kauzigen Onkel in die Stadt am Meer geflohen. Einst hatte er ihr ein Modell der Pariser Nachbarschaft gebastelt, damit sie sich besser zurechtfinden kann. Nun ist in einem Modell Saint-Malos, der vielleicht kostbarste Schatz aus dem Museum versteckt, den auch die Nazis jagen. Werner Hausner, ein schmächtiger Waisenjunge aus dem Ruhrgebiet, wird wegen seiner technischen Begabung gefördert, auf eine Napola geschickt und dann in eine Wehrmachtseinheit gesteckt, die mit Peilgeräten Feindsender aufspürt, über die sich der Widerstand organisiert. Während Marie-Laures Vater von den Deutschen verschleppt und verhört wird, dringt Werners Einheit nach Saint-Malo vor, auf der Suche nach dem Sender, über den Etienne, Marie-Laures Onkel, die Résistance mit Daten versorgt ...

Ihre Meinung zu »Anthony Doerr: Alles Licht, das wir nicht sehen«

Jana68 zu »Anthony Doerr: Alles Licht, das wir nicht sehen«13.08.2017
Anthony Doerr hat mit "Alles Licht, das wir nicht sehen" einen sehr bemerkenswertes und berührendes Buch geschrieben.
Die Haupthandlung spielt in Saint-Malo zur Zeit der Bombardierung im August 1944. Wir erleben diese Tage sowohl mit Werner, einem sehr jungen, Technik-begabten deutschen Waisenjungen, als auch mit Marie-Laure, einer 16jährigen Französin, die bereits in ihrem 7. Lebensjahr vollständig erblindet ist.
Mit jedem neuen Kapitel wechselt die Perspektive und mit jedem neuen Teil gibt es einen Zeitsprung zwischen jenen Tagen im Sommer 1944 und den Jahren davor, in denen wir beide Protagonisten in ihrem Umfeld kennenlernen. Die Vorgeschichte der beiden führt aufeinander zu, zu einer einzigen, kurzen aber entscheidenden Begegnung.

Es hat mich sehr beeindruckt, wie Marie-Laurie lernt, mit ihrem Handicap umzugehen und die Welt durch ihre Sinne zu "sehen". Ihr Vater baut für sie Detailgetreue Modelle ihrer unmittelbaren Umgebung, die sie sich mit ihren Fingern aneignet. Er übt mit ihr geduldig, bis sie sich auch ohne Hilfe alleine zurechtfindet. Bald bewegt sie sich mit einer solchen Sicherheit, dass man manchmal wirklich vergißt, dass sie blind ist. Sie ist ein faszinierendes und liebenswertes Mädchen, dass sich kaum über ihr Schicksal beklagt, der es sogar gelingt, ihren Großonkel Etienne aus der jahrelangen Lethargie, in der er seit seinen Erlebnissen aus dem Großen Krieg feststeckt, hervorzulocken.

Ich fand es auch beeindruckend, wie Werner versucht, dem üblichen Weg in die Kohle-Zeche auszuweichen. Sein Vater hat wie viele andere dort unten sein Leben verloren. So will Werner auf keinen Fall enden. Er bastelt aus gefundenen Resten Radioempfänger, erarbeitet sich dabei alles selbst und bringt mit den Stimmen und der Musik aus dem Empfänger ein wenig Abwechslung in den grauen Alltag der Waisenkinder im Kinderhaus. Aus ihm hätte in der Tat so viel werden können. Doch seine Begabung führt ihn beinah zwangsläufig in die Hände der Wehrmacht, denn es ist für ihn die einzige Alternative, die einzige Möglichkeit, nicht unter Tage einfahren zu müssen, aus seinem Talent und seinen Interessen etwas zu machen.
Seine Vorstellungen über seine Ausbildung werden bitter enttäuscht; die erbarmungslose Desillusionierung läßt ihn fast vollständig erstarren, er ist nicht in der Lage, seinem Freund beizustehen. Er fokussiert sich ausschließlich auf seine Aufgabe: Er hat einen Peilsender gebaut, mit dem er nun den organisierten Widerstand aufspüren muss...

Unweigerlich stellt sich die Frage nach Schuld und Mitschuld; ob ein Teil von Schuld durch das Retten einiger weniger Leben getilgt werden kann.
Als Generation, die lange danach geboren wurde, ist es unglaublich schwer, sich damit auseinanderzusetzen und Antworten zu finden. Um wieviel schwerer muss das jedoch gewesen sein für all jene Überlebenden und Hinterbliebenen, die nach dem Krieg ihren Weg zurück ins Leben finden mussten, die lernen mussten, nicht nur neben- sondern auch miteinander zu leben, die lernen mussten, sich für etwas zu entschuldigen, an dem sie selbst gar nicht wirklich schuldig waren. Und was gibt man den Kindern und Kindeskindern mit auf den Weg in ihre Zukunft, ohne diese Welt noch dunkler als schwarz zu malen und dennoch sicher zu gehen, dass sie und wir dafür zu sorgen, dass so etwas nie wieder geschieht.

Ein sehr berührender Roman in bildhafter und poetischer Sprache, der zum Nachdenken anregt. Sehr lesenswert.
mrs-lucky zu »Anthony Doerr: Alles Licht, das wir nicht sehen«07.04.2016
Hierzulande ist der Autor Anthony Doerr noch weitgehend unbekannt, während er in Amerika mit dem Original seines Romans „Alles Licht, das wir nicht sehen“ bereits seit einiger Zeit auf der Bestsellerliste steht. Nachdem ich diesen Roman lesen durfte, kann ich mich der Begeisterung über diesen Autor nur anschließen. Sein Stil ist bemerkenswert und zeugt von einer großen Beobachtungsgabe für die Menschen und ihre Gefühle. Anthony Doerr verwendet an vielen Stellen eine bildhafte, poetische Sprache, die den Leser, Landschaften aber auch Farben und Gerüche in einem völlig neuen Licht sehen lassen.
Dieser Stil passt wunderbar zu der Geschichte, die er in diesem Roman erzählt. Der Roman spielt zur Zeit des 2.Weltkriegs beziehungsweise beginnt in der Zeitspanne davor und beleuchtet die Ereignisse aus der Sicht zweier Jugendlicher. Da ist zum einen der Waisenjunge Werner Hausner, der mit seiner jüngeren Schwester Jutta in einem Waisenhaus im Ruhrgebiet behütet aber unter vielen Entbehrungen aufwächst. Werner ist technikbegeistert und bringt sich selbst viel über Radio- und Sendetechnik bei. Ein Offizier aus dem Ort wird auf sein Talent aufmerksam und ermöglicht ihm den Zugang zu einer Eliteschule der Nazis. Über diesen Weg gelangt er auch an die Front des Krieges, zunächst im Osten, später in Frankreich.
Der zweite Handlungsstrang dreht sich um das französische Mädchen Marie-Laure, das allein mit ihrem Vater in Paris lebt. Marie-Laure leidet an angeborenem grauem Star und ist bereits im Alter von sechs Jahren völlig erblindet. Einen großen Teil ihrer Kindheit verbringt sie bei ihrem Vater in dem Museum, in dem er arbeitet und findet Sicherheit in der kleinen Welt, in der sie sich bewegt. Als Marie 12 Jahre alt ist, wird es in Paris zu unsicher, und ihr Vater bekommt den Auftrag, einen wertvollen Edelstein des Museums, das Meer der Flammen, um den sich einige Sagen ranken, in Sicherheit zu bringen. So kommt Marie-Laure mit ihrem Vater zu dessen Familie nach Saint-Malo und erlebt dort die grausamen Folgen des Krieges.
Der Roman bildet einzelne Szenen aus den Leben seiner Hauptpersonen ab in Form kleiner Momentaufnahmen. Er beobachtet und beschreibt aus der Sicht seiner Figuren. Gerade die Kinder besitzen dabei eine oft unverfälschte und unvoreingenommene Sicht der Dinge. Insbesondere bei Marie-Laure, die aufgrund ihrer Blindheit eine ganz eigene Wahrnehmung der Dinge besitzt, kommt das Talent des Autors für seine bildhafte und einfühlsame Sprache zum Tragen.
Nicht nur die Handlungsstränge wechseln sich ab, sondern es gibt auch Zeitsprünge zwischen einem Hauptteil der Erzählung, der Bombardierung Saint-Malos im August 1944, bei der einige Fäden zusammen laufen, und den Rückblicken in die Zeitschiene ab 1934 mit den Entwicklungen bis zum Höhepunkt 1944. Das klingt verirrender als es ist, zudem gibt es eine detaillierte Inhaltsübersicht, die die Zeitebenen verdeutlicht.
Ich bin sehr froh, auf dieses Buch aufmerksam gemacht worden zu sein und werde es auf jeden Fall meinen Kindern zu Lesen geben, wenn sie alt genug sind und sich mit dem Thema 2.Weltkrieg beschäftigen.
Sicher bedient das Buch einige Klischees, hier sind aber weder alle Deutschen böse noch gehören alle Franzosen zu den Guten. Das Buch setzt voraus, das der Leser über die geschichtlichen Zusammenhänge und die Ideologien der Nationalsozialisten informiert ist, zeigt aber auf sehr eindrucksvolle Weise die Auswirkungen auf das Leben der Menschen und ihre Empfindungen.
Ihr Kommentar zu Alles Licht, das wir nicht sehen

Hinweis: Fragen nach einem fertigen Referat, einer Inhaltsangabe oder Zusammenfassung werden gelöscht.