Tod am Nord-Ostsee-Kanal von Anja Marschall

Buchvorstellungund Rezension

Tod am Nord-Ostsee-Kanal von Anja Marschall

Originalausgabe erschienen 2016unter dem Titel „Tod am Nord-Ostseekanal“,, 256 Seiten.ISBN 395451978X.

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Kurzgefasst:

Brunsbüttel 1894: Als sich ein tödlicher Unfall auf der Baustelle des Nord-Ostsee-Kanals ereignet, wird Kriminalinspektor Hauke Sötje an die Elbe geschickt, um den Vorfall zu untersuchen. War es ein Unfall oder gar Sabotage am prestigeträchtigsten Bauprojekt der Welt, das schon bald von Kaiser Wilhelm II. höchstpersönlich eröffnet werden soll? Ein Attentäter und die hübsche Tochter des Unternehmers Jennings verwickeln Sötje in einen Fall, der nicht nur das Leben Wilhelms II., sondern das gesamte junge Kaiserreich bedroht.

Das meint Histo-Couch.de: „Der Kommissar hat den Kanal noch lange nicht voll!“85Treffer

Rezension von Carsten Jaehner

An einem verregneten Samstagmorgen des Jahres 1894 versieht Kriminalinspektor Hauke Sötje seinen Dienst auf dem Marktplatz von Kiel, wo er beobachtet, wie sich eine Gruppe Studenten zusammenrottet und einem politischen Statement ihres Anführers lauscht. Als die Polizei tatsächlich eingreift, beobachtet er, wie sich einer aus ihrer Gruppe löst und den Anführer erschiesst. Sötje verfolgt den Mann, verliert aber den Kontakt, als er niedergeschlagen wird und kurze Zeit später mit einer Alkoholfahne von den Kollegen gefunden wird.

Seine Vorgesetzten sorgen dafür, dass er nach Brunsbüttel strafversetzt wird, wo er den Fall eines Arbeiters zu Protokoll nehmen soll, der tot in dem trockenen Becken des Nord-Ostsee-Kanals gefunden wurde, dessen Bau kurz vor der Fertigstellung steht. Schnell stellt Sötje fest, dass der Mann nicht nur gefallen ist, sondern gestossen wurde, so dass es nicht bem Protokollieren bleibt und er Nachforschungen wegen Mordes anstellt. Das gefällt nicht jedem vor Ort, schon gar nicht dem Fabrikanten Jennings, der für den Bauabschnitt zuständig ist und dessen ältere Tochter den Toten hätte heiraten sollen.

Die sturen Norddeutschen sind nicht alle durchweg hilfsbereit, und so hat Sötje einige Hindernisse zu überwinden, um in seinen Ermittlungen voran zukommen. Und schließlich soll der Kaiser in ein paar Tagen persönlich zur Eröffnung des Kanals kommen. Da scheint es einen Zusammenhang zwischen dem Mord am Kanal und dem auf dem Marktplatz in Kiel zu geben. Ist der Kaiser nun in Gefahr? Sötje ermittelt gegen die Zeit und gegen seine Vorgesetzten, die ihn aus seiner Stellung kündigen …

Neue Forschungsmethoden

Bereits zum zweiten Mal schickt Anja Marschall ihren Kriminalinspektor Hauke Sötje ins Ermittlungsrennen. Nach Fortunas Schatten, der in Glücksstadt spielte und nach dem Sötje nach Kiel strafversetzt wurde, ermittelt er nun unter scharfer Beobachtung seiner Vorgesetzten. Einerseits passt er seinem Chef Bahnsen nicht in den Kram, da er gegen Befehle agiert, andererseits hat er beachtliche Erfolge vorzuweisen und Fälle gelöst, die kreatives Denken erforderten. Zudem interessiert sich Sötje für neue Forschungsmethoden wie dieses Sache mit den Fingerabdrücken, die Sötje gerne einmal ausprobieren würde, wenn sich die Gelegenheit dazu ergibt.

Alles in allem keine guten Voraussetzungen für Sötje, der nach einem Einsatz alkoholisiert in einem fremden Zimmer gefunden wird und eine abstruse Geschichte erzählt, er habe einen Mörder verfolgt bis in dieses Zimmer, wo ein alter Mann gesessen und alles beobachtet hätte. Doch weder vom angeblichen Mörder noch von dem alten Mann eine Spur, eine wilde Geschichte über einen Mord, den niemand bezeugen kann, das Verlassen des Arbeitsplatzes gegen Befehl und dann die Alkoholfahne, die zwar von einer zerschlagenen Flasche auf Sötjes Kopf herrührt, aber das passt ja nicht ins Bild.

Gute Recherche

Es ist offensichtlich, wie es Sötjes Vorgesetzter Bahnsen geniesst, den Mann an einen unwichtigen Ort versetzen zu können, um ein einfaches Protokoll von einem Toten Mann aufzunehmen, der in eine Baugrube gestürzt ist. Sötje, der seiner Angebeteten Sophie eigentlich einen Heiratsantrag machen wollte, muss stattdessen nach Brunsbüttel fahren, um dieses Protokoll aufzunehmen. Weder hat er Lust dazu, noch haben die Arbeiter vor Ort Lust dazu, ihn zu unterstützen.

Die Leiche ist schnell als Ingenieur Strasser identifiziert, der bei seinen Leuten nicht sehr beliebt war. Da er allerdings Österreicher war, besteht die Befürchtung, dass der Fall internationale Wellen schlägt. Verlobt mit der älteren Tochter Margarete des Fabrikanten Jennings, weint Strasser jedoch wohl niemand eine Träne nach, einzig die Braut gibt sich geschockt. Getröstet wird sie von ihrer koketten Schwester Elisabeth, die sich in den Kopf gesetzt hat, reicht und adelig zu heiraten, es aber erst kann, wenn ihre ältere Schwester unter der Haube ist.

Man merkt dem Buch an, dass die Autorin akribisch recherchiert hat und sich sowohl in der Gesellschaft Ende des 19. Jahrhunderts als auch in den Sitten und Gebräuchen auskennt. Das Industrielle Zeitalter war überall zu spüren, der Bau des Nord-Ostsee-Kanals eine Sensation, für die Kaiser Wilhelm sowohl belächelt als auch beneidet wurde. Treffend schildert die Autorin die Umstände des Baues mit seinen Tücken und Schwierigkeiten, und der Leser fühlt mit den geschundenen Arbeitern.

Zusammenführung der Handlungsstränge

Ebenso akribisch hat sie die Handlung ihres Krimis, von der sich erst allmählich herausschält, dass alle Handlungsstränge irgendwie zusammengehören. Doch mehr soll hier nicht verraten werden. Sötje zur Seite steht der junge Karl Mehlert, dessen Onkel auch Arbeiter am Kanal ist. Der Junge ist pfiffig und erweist sich in mehrerer Hinsicht als guter Mitarbeiter für Sötje.

Die Autorin hat einen spannenden Krimi vorgelegt, der die Zeit und Gebräuche hervorragend einfängt und dem Leser einen guten Einblick in die Zeit des Deutschen Kaiserreichs gibt. Der Roman ist auch ohne Kenntnis seines Vorgängers lesbar. Ob man alle von ihr angesprochenen Themen in diesen einen Krimi hätte packen müssen, ist vielleicht Geschmackssache. Ergänzt wird der Roman durch ein ausführliches Nachwort zu einigen Aspekten des Romans sowie einigen Karten und Bildern des Nord-Ostsee-Kanals aus der Zeit seiner Entstehung. Die Autorin hat hier einen guten Job gemacht und es steht zu wünschen, dass Hauke Sötje weiter ermitteln darf, zumal sich seine private Situation auch zum Guten zu wenden scheint. Hoffentlich bleibt es dabei und man darf mehr darüber erfahren. Weiter so.

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