Von allen guten Geistern von Andreas Kollender

Buchvorstellungund Rezension

Von allen guten Geistern von Andreas Kollender

Originalausgabe erschienen 2017unter dem Titel „Von allen guten Geistern“,, 440 Seiten.ISBN 3865325750.

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Kurzgefasst:

Im Sommer 1864 verkaufte ein Mann Zwangsjacken. Es war heiß auf dem Marktplatz am Heiligengeistfeld vor den Toren Hamburgs. Die Menschen bestaunten seine seltsame Ware. Der Mann kam aus der Heil- und Irrenanstalt Friedrichsberg. Er war kein Patient. Er war der Leiter. Am Abend des Tages lachte der Mann Fanny Nielsen an und sagte, es sei keine einzige Jacke übrig geblieben. Nicht eine. Er habe den Zwang verkauft. Fanny Nielsen, einer Schauspielerin, gefiel diese Formulierung. Sie legte dem Mann eine Hand auf den Unterarm. Bald darauf kam es zu einem Unglück.

Das meint Histo-Couch.de: „Lehrreicher und unterhaltsamer Roman über die Anfänge der Psychiatrie“85Treffer

Rezension von Jörg Kijanski

In dem überaus packendem Buch „Kolbe“ erzählt Andreas Kollender über das Leben des vielleicht wichtigsten deutschen Spions während des Zweiten Weltkrieges. Kaum hat man sich von der Wucht dieses biografischen Romans erholt, legt der großartige Erzähler ein weiteres, außergewöhnliches Leseerlebnis vor, bei dem er sich von Leben und Werk Ludwig Meyers beeinflussen ließ.

„Die ganze Welt ist eine Irrenanstalt. Als ich Friedrichsberg eröffnete, 1864, da tobte zu gleichen Zeit der Deutsch-Dänische Krieg. Lauter klinisch gesunde Männer gingen da auf Teufel komm raus aufeinander los. Die spießten sich mit Bajonetten auf, zerfetzten sich mit Kanonenkugeln, hauten sich Arme und Beine ab. Da waren mir meine Irren lieber. Jetzt leben wir im Deutschen Kaiserreich, gab es bei der Eröffnung von Friedrichsberg auch noch nicht. Und woraus ist dieses geeinte Reicht entstanden? Aus dem Krieg von 1870/71. Vollkommen verrückt. Ein Irrenhaus eben.“

Ludwig Meyer? Der Name mag in Deutschland häufiger vorkommen, gemeint ist hier der bedeutende Psychiater, der von 1827 bis 1900 lebte und die Psychiatrie maßgeblich reformierte. Er übernahm das Non-Restraint-Programm von John Conolly, welches eine Behandlung ohne Einsatz von Zwangsmaßnahmen beinhaltet. Weg mit dem Zwang und vor allem, weg mit den Zwangsjacken! So wurde er ein enger Verfechter der naturwissenschaftlichen Psychiatrie, die körperliche Krankheiten als Ursache für psychologische Störungen akzeptiert und deswegen auf Strafe und Zwang verzichtet.

„Ich bin begeistert.“

„Er ist begeistert. Von einer Irrenanstalt. Wie schön, wie schön. Es ist gar nicht so lange her, da haben bestialische Wärter kranke Frauen und Männer zu Aufführungen vor Publikum überredet oder gar gezwungen. Damit haben die feinen Damen und Herren Geld verdient. Stellten irrsinnige Frauen nackt zur Schau, ließen Männer onanieren.“

„Ich weiß davon.“

„Ja, Mr. Meyer, das Tollhaus wurde von Tollen geführt. Haben Sie sich je gefragt, wer hier krank ist? Haben Sie sich je gefragt, ob wir – möglicherweise, zum Teil – die Falschen behandeln?“

„Allerdings.“

Von allen guten Geistern beginnt im Sommer 1880. Ludwig Meyer ist inzwischen Professor, lebt und arbeitet in Göttingen und kehrt mit einer jungen Patientin zurück nach Hamburg. Hier wuchs er auf, hier fing alles an. In Rückblenden, durch Einblicke in die aktuelle Heimkehr immer wieder unterbrochen, erfährt man den Lebensweg dieses Pioniers. In den 1840er Jahren benimmt sich seine geliebte Mutter auffällig, doch der äußerst strenge Vater will dies nicht wahrhaben und bringt seine Frau schließlich in einem Krankenhaus unter. Dort gibt es eine Abteilung für Gemütskrankheiten in den dunklen Kellerräumen des Hospitals. Ludwig freundet sich mit dem Apotheker des Krankenhauses an und gelangt mit dessen Hilfe in die Zelle seiner Mutter. Er ist schockiert von den unmenschlichen Bedingungen, unter denen die „Patienten“ leben müssen. Tieren kann es nicht schlechter gehen und als sich unmittelbar darauf seine Mutter die Pulsadern aufkratzt ist für Ludwig klar, dass er Irrenarzt werden möchte.

„Wenn er über mehrere Jahre eingesperrt gewesen wäre, er wäre ganz sicher verrückt geworden. Also konnte der Wahn auch von außen kommen, dem Menschen eingequält werden. Er musste jetzt nur noch das Wort Gefängnis durch Irrenanstalt ersetzen und kam zum selben Ergebnis.“

Sein von vielen belächeltes Studium führt ihn zunächst nach Bonn, wo er allerdings in die Revolution des Jahres 1848 gerät und in dessen Folge zu einem Jahr Festungshaft verurteilt wird. Dort wird ihm klar, dass jeder Mensch unter den Folgen der Isolation verrückt werden kann. Sein weiterer Weg führt nach London, wo er in der Anstalt Bedlam eine ganz neue Situation vorfindet. Basierend auf der Lehre von John Conolly wurden hier die Zwangsjacken nahezu abgeschafft. Die Räume der Insassen befinden sich nicht in vermoderten, dunklen Kellern, sondern oberirdisch. Ludwig kehrt nach Hamburg zurück und darf, trotz erbittertem Widerstand im Senat, in Friedrichsberg eine Heil- und Irrenanstalt nach seinen Vorstellungen bauen und leiten.

Wer sich für Psychiatrie interessiert, liest hier einen im doppelten Wortsinn wahnsinnigen Roman. Tiefe Einblicke in die Anfänge der Psychiatrie, deren widerstreitende Diskurse zwischen Psychikern und Somatikern, prägen dieses Buch, dessen Protagonist selbst sehr ambivalent erscheint. Er ist ein Getriebener, ein Besessener, der nur das Wohl seiner Patienten vor Augen hat. Hätte es ihn zwanzig Jahre zuvor gegeben, seine Mutter hätte gewiss nicht sterben müssen, davon ist er überzeugt. Dennoch fehlt es ihm manchmal an Durchsetzungskraft, vor allem sein Privatleben erfährt keine Ordnung und so ist auch seine Beziehung zu der Schauspielerin Fanny alles andere als eindeutig. Wahn und Obsession haben viele Facetten. Deswegen sollte man Von allen guten Geistern lesen, natürlich ganz ohne Zwang!

Ihre Meinung zu »Andreas Kollender: Von allen guten Geistern«

Anneli Treibig zu »Andreas Kollender: Von allen guten Geistern«11.04.2017
Es muss ein tolles Buch sein, mit Hintergründen, die sonst Niemand aussprach. Wer im Grunde genommen eine langjährige Behandlung gebraucht hätte, steht wirklich auf einem anderen Papier. Ich bin begeistert von der freien Meinung, die hier nicht hinter dem Berg hält! Ich werde dieses Buch kaufen! Danke, dass es existiert!
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