Mit blauen Augen von Albrecht Gralle

Buchvorstellungund Rezension

Mit blauen Augen von Albrecht Gralle

Originalausgabe erschienen 2016unter dem Titel „Mit blauen Augen“,, 288 Seiten.ISBN 3842514778.

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Kurzgefasst:

Ein Vorort von Stuttgart, 1957: Es gibt offene Straßenbahnen, eine Dorfschmiede, den Geruch von Bohnerwachs auf Linoleum, das magische Auge im Radio und selbstgemachte Maultaschen. Gleichzeitig liegt ein Mann im Sterben: Franks Vater. Frank, sieben Jahre, Schulanfänger, erlebt alles hautnah mit. Trotz der schwierigen Umstände schmunzelt der Leser, wenn er den seltsamen Alltag der Erwachsenen mit den Augen eines Siebenjährigen sieht: Warum darf kein fremder Mann im Bett von Franks Tante schlafen, wenn er müde ist? Was geschieht eigentlich mit dem toten Mädchen, das in der Leichenhalle liegt und mitten in dem Blumenmeer wie Schneewittchen aussieht? Was hat ein heimlicher Nazi 1957 im Haus der jungen Witwe verloren?

Rückblenden schildern die Liebesgeschichte von Franks Eltern, Arnold und Elisabeth, zwischen Berlin und Stuttgart in den Wirren des Zweiten Weltkriegs und ihre erschreckend blauäugige Sicht auf das »Dritte Reich«.

Das meint Histo-Couch.de: „Die große Liebe – vor, während und nach dem Krieg“65

Rezension von Jörg Kijanski

Sommer 1939. Arnold Schering kommt aus wohlhabenden Verhältnissen, studiert Jura und ist mit einer Fabrikantentochter so gut wie verlobt. Doch dann besucht er ein befreundetes Paar in Berlin, wo er auf Elisabeth trifft, in die er sich prompt verliebt. Elisabeth kommt aus einfachen, schwäbischen Verhältnissen und ist nur für ein paar Wochen bei einer Verwandten zu Besuch. Auch sie fühlt sich zu Arnold hingezogen, doch angesichts der in Aussicht stehenden Verlobten sind die Anfänge für das junge Paar nicht einfach. Auch die politische Lage ist problematisch, denn der Krieg hat begonnen, ein erster Fronteinsatz steht bevor. Schnell wird in letzter Minute geheiratet, dann heißt es auch schon Abschied nehmen, während der erste Nachwuchs bereits auf dem Weg ist.

Stuttgart 1957: Nach einer vermeintlich harmlosen Erkältung stirbt Arnold und seine Frau Elisabeth steht mit ihren drei Kindern plötzlich alleine da. Unter ihnen der sieben Jahre alt Frank, der mit einiger „Verspätung“ erst nach dem Krieg gezeugt wurde. Frank versucht sich in der Welt der Erwachsenen zurecht zu finden, ein nicht immer einfaches Unterfangen. Auch versteht er noch nicht so richtig, wie das denn so ist, die Sache mit Mann und Frau. Nur eines weiß er genau, den neuen Bekannten seiner Mutter mag er gar nicht leiden …

Viel Herz-Schmerz, aber interessante Einblicke in die Verblendung eines Volkes

Die Handlung beginnt mit dem Tod des Arnold Schering im Jahr 1957 und wechselt in zahlreichen Zeitblenden immer wieder hin und her. So geht das Leben der Familie nach dem Tod des Vaters irgendwie weiter, währen in Rückblenden nach und nach die Familiengeschichte erzählt wird. Diese beginnt im Sommer 1937, wenige Wochen vor Ausbruch des Zweiten Weltkrieges.

Zunächst ist festzuhalten, dass die Liebesgeschichte vor allem zu Beginn sehr umfangreich ausfällt und bedrohlich nahe am Rande eines Liebesromans spielt. Dies muss offenbar auch der Autor geahnt haben, denn gleich an zwei Stellen legt er Nebenfiguren in Gesprächen die Formulierung in den Mund, dass es nun aber mal genug sei mit dem Liebesgesäusel. Gleiches gilt für die Sichtweise des kleinen Frank, der die Welt der Erwachsenen natürlich noch nicht begreifen und verstehen kann. So kommt es zu zahlreichen lustigen Situationen und Fragen, wie sie nur einem kleinen Kind einfallen können. Teils amüsant, aber oftmals banal und belanglos.

Die wechselnden Zeitebenen und deren Zusammenführen ist gekonnt gemacht und immer dann, wenn das „Liebesgesäusel“ in den Hintergrund tritt wird es besonders interessant. Denn es geht nicht nur um die Geschichte einer Familie, gestreckt über knapp zwanzig Jahre, sondern vor allem um die damit einhergehenden politischen und gesellschaftlichen Begleiterscheinungen. Anfangs noch voller Begeisterung für den Führer, der das Land endlich aus den Fängen des Versailler Vertrages befreit und der eine herrliche Olympiade organisiert hat, dreht sich das Blatt erst langsam. Dass Luisa, Elisabeths beste Freundin, ins Ausland auswandern möchte, da sie als Jüdin nicht in einem Arbeitslager enden möchte, schockiert Elisabeth. Dort bringe man die Juden um, ist sich Luisa sicher, was aber doch gar nicht sein könne, glaubt Elisabeth, schließlich sei Luisa doch so ein netter Mensch. Ähnlich ergeht es Arnolds jüdischem Klavierlehrer, der ebenfalls die Koffer packt. Arnold kann dies nicht verstehen, er und seine Frau sind ebenso geblendet und verführt wie der Rest der Nation. Die anfänglichen militärischen Erfolge tragen (noch) zur positiven Grundstimmung bei.

„Du, ich hab mir überlegt, wegen dem, was du gsagt hasch mit dem Arbeitslager und dass alle Juden …Das kann gar nicht gehen, dass ihr alle umgebracht werden sollt, das wird doch Gott nicht zulassen. Ihr seid doch das auserwählte Volk.“

„Ich kann nur hoffen, dass Gott sich auch daran erinnert, wenn es soweit ist.“

Erst spät im Krieg erkennt Arnold die Ausmaße von Hitlers Wahn, da liegt schon halb Deutschland in Schutt und Asche und das Ende des Krieges zeichnet sich ab. Selbst auf eine Wunderwaffe will niemand mehr hoffen, denn die Hoffnung ist schon lange gestorben.

Wie ein ganzes Volk in die Irre geführt wird, wie sich die Propaganda in die Hirne der Menschen eingeschlichen hat und diese teilweise auch zehn Jahre nach Kriegsende noch funktioniert, zeigt Autor Albrecht Gralle beispielhaft am Mikrokosmos der Familie Schering. Sieht man von einigen Längen und Banalitäten ab, so ist Mit blauen Augen eine interessante Reise in die deutsche Zeitgeschichte. Vom bevorstehenden Krieg bis hin in den mühevollen Wiederaufbau fängt der Autor die Situation seiner Figuren lebensnah ein.

Folgende Anmerkung auf dem Buchrücken soll an dieser Stelle zwar unkommentiert, aber nicht unerwähnt bleiben: „Für das erste Kapitel seines Romans erhielt der Autor den Literaturpreis der Stadt Augsburg.“

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