Ein angesehener Mann von Abir Mukherjee

Buchvorstellungund Rezension

Originalausgabe erschienen 2016unter dem Titel „A Rising Man“,deutsche Ausgabe erstmals 2017, 512 Seiten.ISBN 3-453-42173-6.Übersetzung ins Deutsche von Jens Plassmann.

»Ein angesehener Mann« kaufen oder zum Merkzettel hinzufügen

bestellen bei amazon

in mein Bücherregal

Kurzgefasst:

Kalkutta 1919 – die Luft steht in den Straßen einer Stadt, die im Chaos der Kolonialisierung zu versinken droht. Die Bevölkerung ist zerrissen zwischen alten Traditionen und der neuen Ordnung der britischen Besatzung. Aus dem Ersten Weltkrieg zurückgekehrt, findet sich Captain Sam Wyndham als Ermittler in diesem Moloch aus tropischer Hitze, Schlamm und bröckelnden Kolonialbauten wieder. Doch er hat kaum Gelegenheit, sich an seine neue Umgebung zu gewöhnen. Denn ein Mordfall hält die ganze Stadt in Atem. Seine Nachforschungen führen ihn in die opiumgetränkte Unterwelt Kalkuttas und immer wieder an den Rand des Gesetzes.

Das meint Histo-Couch.de: „Beeindruckende Zeitreise nach Kalkutta kurz nach Ende des großen Krieges“85Treffer

Rezension von Jörg Kijanski

April 1919. Captain Sam Wyndham ist erst wenige Tage in Kalkutta, da beschäftigt ihn schon ein aufsehenerregender Mordfall. Alexander MacAuley, rechte Hand des Lieutenant-Governors von Bengalen, wurde mit durchgeschnittener Kehle in Black Town unweit eines Bordells aufgefunden. Kaum sind die Ermittlungen angelaufen, scheinen sie auch schon gestoppt zu werden, denn der Militärgeheimdienst übernimmt den Tatort. Bereits am nächsten Tag werden Wyndham und sein Team, bestehend aus dem Sub-Inspector John Digby und dem indischen Sergeant Banerjee, auf den Überfall eines Zuges angesetzt. Ein seltsamer Raubüberfall allerdings, denn es wird nichts gestohlen. Als ein Kontaktmann von Digby sich meldet, scheint langsam eine Spur erkennbar. Diese führt zu einem berüchtigten Revolutionär, der in der einheimischen Bevölkerung als Held verehrt wird und vor einigen Jahren untertauchte&

Vielschichtiges, überzeugendes Debüt

Abir Mukherjee hat mit Ein angesehener Mann ein großartiges Debüt abgeliefert, welches der Start einer neuen Serie ist. Wyndham zog Anfang 1915 in den großen Krieg, wurde dort im Sommer 1918 verwundet und zurück nach England verlegt. Kaum halbwegs genesen erfährt er, dass seine geliebte Frau kürzlich verstarb. Ihn hält nichts mehr daheim und so folgt er dem Ruf von Commissioner Taggart, der fähige Polizisten in Kalkutta benötigt, schließlich ist dort die Korruption allgegenwärtig.

„Nichts, außer vielleicht Krieg, vermochte einen wirklich auf Kalkutta vorzubereiten. Nicht die Schreckensgeschichten der Indienheimkehrer in verrauchten Klubzimmern an der Pall Mall, nicht die Darstellungen von Journalisten und Romanautoren, nicht einmal eine fünftausend Meilen lange Seereise mit Zwischenstopps in Alexandria und Aden. In der Realität ist Kalkutta fremdartiger als alles, was die Fantasie eines Engländers heraufzubeschwören vermag. Robert Clive, der legendäre Eroberer Bengalens, hatte es den gottlosesten Ort im Universum genannt, und sein Urteil zählte noch zu den positiveren.“

Wyndham wohnt in einem Guesthouse, dessen Essen diesen Namen kaum verdient. Auch ansonsten fällt es ihm schwer, sich mit der neuen Umgebung vertraut zu machen, die der heimliche Star des Romans ist. Kalkutta, 150.000 Briten treffen auf 300 Millionen Inder. Ein Schmelztiegel in dem es für die Briten gilt, Stärke und die eigene Überlegenheit zu demonstrieren. Was daraus folgt ist ein latenter, aber allgegenwärtiger Rassismus. Anhänger der Home-Rule-Bewegung fordern daher mehr Selbstverwaltung, revolutionäre Gruppen sind aktiv. Jederzeit kann die Stimmung in Kalkutta sowie im ganzen Land kippen.

„Laut diesen Gesetzen ist es Indern untersagt, sich in ihren eigenen Häusern zu treffen, um über ihren Wunsch nach Freiheit in ihrem eigenen Land zu sprechen. Diese Vorschriften wurden von Engländern erlassen, ohne Zustimmung der Inder, für die allein sie gelten. Würden Sie nicht auch ein solches Gesetz für ungerecht halten?“

Die „Stadt der Paläste“ im April. Der Anfang des Sommers mit über vierzig Grad und einer extremen Luftfeuchtigkeit. Wer normales Wasser trinkt, droht sich mit Cholera zu infizieren. Die Einheimischen sprechen Bengali oder Hindi und begegnen den Briten nicht selten mit unverhohlener Verachtung. So ist es schwierig, Zeugen zu finden und zum Reden zu bringen. Das angespannte Verhältnis zeigt sich auch bei Wyndhams Mitarbeitern. Digby ist Brite durch und durch, behandelt die Inder von oben herab und hat zudem Probleme mit Wyndham, denn eigentlich wäre er selber für eine Beförderung vorgesehen gewesen. Sergeant Banerjee, der mit Vornamen eigentlich Surendranath heißt und, weil kein Brite den Namen aussprechen kann, nur Surrender-not genannt wird, ist zunächst ein untertäniger Diener des Staates. Im Lauf der Geschichte wird sich dies jedoch ändern, denn die Ungerechtigkeit im Land erfährt ungeahnte Ausmaße.

„Das ist eine Bade-Ghat. Dem Glauben der Hindus zufolge reinigt ein Untertauchen in diesen Fluss von allen Sünden.“

„Sonderbar. Gestern hat mir ein Hindu noch erklärt, so etwas wie Vergebung von Sünden würde es nicht geben. Sei Karma sei unbeeinflussbar.“

„So ist der Hinduismus nun mal. Derart geheimnisvoll, dass selbst die Hindus durcheinanderkommen.“

Wer sich auf eine Zeitreise in eine unbekannte und erlebnisreiche Stadt begeben möchte, der findet in diesem Debütroman die richtige Lektüre. Spannend, unterhaltsam und (nur leider) mit einer Auflösung, die einem schon des Öfteren begegnet ist. Ansonsten gibt es nichts zu meckern, denn auch ohne die Einnahme der Droge O, von der Wyndham nur allzu gerne Gebrauch macht, ist dieses Buch eine Entdeckung. Nicht nur wegen der beeindruckenden Kulisse.

Ihre Meinung zu »Abir Mukherjee: Ein angesehener Mann«

Ihr Kommentar zu Ein angesehener Mann

Hinweis: Fragen nach einem fertigen Referat, einer Inhaltsangabe oder Zusammenfassung werden gelöscht.